Overseating

Der stählerne Wind der Digitalisierung muss noch schneller, noch erbarmungsloser durch alle Lebensbereiche fegen. Alles Denken und Fühlen möge der Zweiwertigkeit untergeordnet werden. Im algorithmusgestützt übersetzten User Manual der neuen Bluetooth-Earbuds heißt es u. a. »Erhöhen Sie das Volumen«, »Muster der Anzeigelampen für den Ladefall« und »Die Anklageerhebung« (i. Eng., man käme kaum drauf: »To charge the charging case: …«). Beim »charging case« braucht’s Dusel, damit es mal mit »Ladegehäuse« übersetzt wird, meist errechnen die Maschinen »Ladekoffer«.

Ein hübsches Gem hält auch ein Android-Equalizer vor, wenn man ihn beenden will:

Olympische Interviewdisziplin: Grein-Raun-Kombinieren

07.02.2022 • Nachmittags beim Bügeln den Fernseher angemacht, bei der ZDF-Olympiaübertragung gelandet. Es ging um Skispringen. Und herrlich, wie da im Interview gegreint und geraunt, ja, vor allem herrlich geraunt wurde! Der reinste hinterwäldlerische Provinzvereins-Kindergarten! Nur im olympischen Dorf.

Was war passiert? Drei Akteurinnen des deutschen Teams waren bei der Überprüfung der Anzüge disqualifiziert worden. Diese waren wohl an entscheidenden Stellen zu weit; um mit mehr Fläche größeren Luftwiderstand zu erzeugen, logo.

Aber was heißt da »logo«? Der eine – wohl ein Trainer –, der am meisten greinte und raunte, ramenterte ganz enragiert, man sei ja wohl vor zwei Tagen auch durch die Kontrolle gekommen, mit demselben Material, die »Mädels« würden ja auf heute kaum ihre Erfolgsanzüge wechseln, und jetzt plötzlich seien die Anzüge nicht mehr regelkonform?! Und überhaupt sei es halt am Ende doch noch Stoff, der sei nun mal dehnbar und könne schon mal einen, zwei Zentimeter weiter sein, man schneidere jedenfalls immer genau enrsprechend der Regeln, und man müsse schon den Eindruck haben, dass da jetzt plötzlich viel genauer gemessen werde als je zuvor, und dass es da ausgerechnet drei deutsche »Mädels« – sehr erfolgreiche noch dazu! – treffe, also, er wolle da jetzt nichts sagen oder andeuten, aber dass da dieser eine Kontrolleur jetzt dabei gewesen sei, und wenn man jetzt plötzlich so genau messe, also da drauf hätten sie sich überhaupt nicht einstellen können, und am Ende macht das halt schon auch, man muss es so hart sagen, den Sport kaputt, und das beschädigt jetzt auch das Ansehen des Sports.

Der eine der beiden Kommentatorinnen, anscheinend früher Trainer des Skisprungteams, rückt anschließend einiges gerade. Er habe den Springer*innen früher schon gesagt, das ginge nicht, da müssten alle genauer aufpassen mit den Anzügen, wenn die so weit seien, gebe es früher oder später Probleme. Aber jetzt sei er da nicht mehr so tief drin, jetzt ginge ihn das nicht mehr so sehr was an. Wundern tut sie, also die Disqualifiziererei, ihn, man hört’s, kein Stück.

Wie herrlich doch aber der andere geraunt und gegreint hat! Womöglich schalte ich da jetzt öfter ein, wer weiß, vielleicht kommt’s ja noch zu positiven PCR-Tests, bei denen einer zwar ganz gewiss nichts sagen will, aber ob die wirklich positiv waren oder ob da nicht auch irgendwie, also, wissen könne man ja nie, und am Ende müsse man sich halt drauf verlassen, dass da alles korrekt (…).

08.02.2022, 05:30 Uhr • Herrlich zaubrisch wird in den DLF-Nachrichten gebarmt! »Die FIS hat damit das Damenskispringen zerstört. So macht man Nationen kaputt, Förderungen kaputt, und auch den Sport kaputt«, so eines der betroffenen, ja geschädigten »Mädels«.

Teelöffel

Was mich immer noch, obwohl ich zuletzt vor ca. acht Jahren davon hören/lesen musste, maßlos wütend macht, ist das sog. TEELAMAẞ. Wikipedia weiß dazu Folgendes: »Das Teelamaß oder Teelamaß-Löffel ist ein Maßlöffel, beziehungsweise ein Portionslöffel der Firma TeeGschwendner. Hiermit gibt die Firma auf vielen ihrer Teeprodukte individuell an, wie viel dieser Maßlöffel bei gegebenem Wasser und Teesorte, für die Teezubereitung nötig sind.«

Dran denken machte mich der neue Kaffeelöffel, der kürzlich in einer French Press ins Haus gekommen war. Sofort schnürt mir die eingeschossene Hässlichkeit des Wortes TEELAMAẞ bund-, ja büschelweise Kapillaren ab, Rückenmark wird teilweise dampfförmig und entweicht über die spontan spröd werdende Wirbelsäule steißseitig. Die Augeninnenflüssigkeit flockt aus und zieht die Netzhaut rosinenförmig ein. Die Lippen gibt es nicht mehr, die Fußhaut abgelöst auf dem Küchenboden. Unter den Kniescheiben ameiselt es, die Schultern ganz borckicht. Der Rumpf klumpt TEELAMAẞ für TEELAMAẞ ab.

Und wer hat uns das eingebrockt? TeeGschwendner-»Mitarbeiter Edgar Halm, der heute noch immer in der Teeabteilung Projekte umsetzt, hatte damals die Idee, in Anlehnung an den damaligen Firmennamen [Teeladen] einfach „Teela-“ vor die Utensilien zu setzen. Die Idee war geboren, wurde für gut befunden und umgesetzt und bis heute aufrechterhalten.« (Ebd.)

Und warum der Extralöffel überhaupt? »Dadurch ist die Dosierung für den Verbraucher oft leichter, da er nicht mehr den Roh-Tee abwiegen muss.« Geh, nehmt’s halt einfach ’nen Teelöffel, ha?!

Betr.: Sprechakttheorie

Wer schon mal was zur linguistischen Sprechakttheorie gehört hat, kennt vermutlich eines ihrer Standardbeispiele: die Taufe. Hier nun eine Nachricht aus der Welt der Fundamental-Sprechakttheorie:

»Der Fernsehsender „Telemundo Arizona“ berichtete am Dienstag von mutmaßlich Tausenden von Betroffenen, die der Priester Andrés Arango seit 2005 mit der Formel „Wir taufen dich“ statt wie vorgeschrieben „Ich taufe dich“ getauft hat und so die Taufe nicht gültig gespendet hat. […] Die vatikanische Glaubenskongregation hatte im Sommer 2020 festgestellt, dass eine Abänderung der Taufformel von der ersten Person Singular in die erste Person Plural nicht zulässig sei. Entsprechende Versuche der Spendung seien ungültig. Gültig wird das Sakrament nur mit der Formel „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ gespendet. Die versuchten Taufen von Arango seien vom Bistum in Abstimmung mit der Glaubenskongregation geprüft und für ungültig befunden worden, teilte der Bischof mit.« (Wegen falscher Formel: Tausende Taufen ungültig)

Das Konzept der Inferenz

»Neuere empirisch-kognitionspsychologische Untersuchungen […] beschreiben die Lektüre narrativer Texte als einen dynamischen kognitiven Prozess, der sowohl von Textsignalen (bottom-up) als auch von Inferenzen aus dem Langzeitgedächtnis des Lesers (top-down) gesteuert wird«¹. Diese Beschreibung der Top-Wissenschaft empirische Kognitionspsychologie trifft allerdings beispielsweise dann schon nicht mehr zu, ja wird gar in ihr crasses Gegenteil verkehrt, wenn Leser*innen auf dem Rücken liegen.

¹ Martínez, Matías/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie, 11., überarb. und aktual. Auflage, München 2019, S. 138

Die wahre Geschichte von den Maden

Berufsschulklasse Feinwerkmechanik, bestehend aus lauter niederbayerischen Grobianen, wir schreiben ca. das Jahr 2004. Aus dem Blockunterrichtsplan wird ersichtlich, dass der Klassenraum in den kommenden drei Wochen leer bleiben wird. Ein Mitschüler, u.a. begeisterter und versoffener Angler, bringt am letzten Tag vor diesem Leerstand ein Schächtelchen mit 50 Maden, gekauft für 50 Cent beim Anglerbedarf, mit. Nach der Pause placiert er diese Maden im Verein mit einem Stück Leberkäse von der Pausenverkaufsleberkässemmel in einem der Blumentöpfe auf dem Fensterbrett. Zeitsprung: nächster Blockunterricht. Der Klassenlehrer ermahnt uns beim Erstkontakt, ja schimpft uns richtiggehend aus, wir sollten doch nicht lauter Müll hinter die Heizkörper schmeißen (es sind so undurchsichtige, ohne Rippen), schließlich wozu gäbe es den Mülleimer. »Weil als ich letzte Woche wieder hier reingekommen bin, da war a l l e s schwarz an den Fenstern. So viele Fliegen habe ich überhaupt noch nie gesehen.« Er hat freilich komplett übertrieben, aber zu gerne hätte ich gesehen, wie viele Fliegen sich aus den Maden tatsächlich herausentwickelt, am Leberkäse gelabt und im Berufsschulklassenraum vergnügt hatten.