An M. F.

Wenn ich, wie Du, mich nie dem Liken menge
Und stillen Monitorings Segen suche, –
Ich werde nie mich neigen vor der Strenge
Der fremden Prüfer in dem blauen Buche.

Sie sitzen ewigscrollend vor den Röhren
Und harren deiner lang ersehnten Kunde,
Sie kürzen sich die Zeit schon mit Likören –
E i n  Post von Dir wär’ ihnen Sternenstunde.

Doch, wenn Du, Dunkler, den schon Desparaten
Die Timeline zierst, dann jubeln sie verschieden;
Dich liken manche dann, den Renegaten
(Und können ein Zurücklike kaum erwarten),
Die meisten aber nicken nur zufrieden.

(Andreas Maria Lugauer, nach einer Vorlage von Rainer Maria Rilke)

 

Hym(n)en

Vor langer Zeit hatte ich an der Uni ein Referat über die Hymnen Goethes zu halten (‹Prometheus› etc.).
Als kleinen Witz hätte ich dabei gerne «Goethes Hymen» als Überschrift aufs Handout gedruckt (Hymen ist griechisch für Jungfernhäutchen). Aber das traute ich mich dann nicht; auch wenn Goethe hinsichtlich Hymen bzw. Defloration kein unbeschriebenes Blatt gewesen sein dürfte und es insofern sogar eine gewisse Berechtigung gehabt hätte, zumal das Seminar sich ausschließlich mit dem Werk des jungen Goethe beschäftigte. Bis heute ärgere ich mich darüber, diesen Witz ausgelassen zu haben.
Nicht schlecht staunte ich nun, wie der Lyriker Stefan George dieses Problem 1922 bei seinem Gedichtband ‹Hymnen – Pilgerfahrten – Algabal› gelöst hatte. Der alte Hammel.

Lieber nicht

»Pfarrbrief Sankt Vitus!«, begehrte die Frau durch die Sprechanlage Einlaß ins Haus zu den Briefkästen. »In diesem Haus wird ausschließlich dem Satan gehuldigt. Danke.«, antwortete Winfried nicht, sondern drückte erwiderungslos den Türsummer. Für so eine gewitzte Reaktion war er nicht schlagfertig genug. Genau genommen war Winfried überhaupt nicht schlagfertig. Die Reaktion auf die Pfarrbriefausträgerin fiel ihm, wie stets so etwas, Weiterlesen

Alles spült

Traurig knöpfte Winfried seinen Hosenstall zu. Die automatische Spülung des Urinals war dieses Mal sogar zweimal losgegangen, während er noch im vollen Schwange uriniert hatte.

»Tragischer Unfall bei Spaziergang« notierte man sinngemäß auf dem Totenschein, nachdem Winfrieds bleiche, aufgeschwemmte Leiche einige Zeit später aus dem Fluß gezogen worden war; eine Fischerin hatte Weiterlesen