»Hochwinter«-G’schicht’n

Kürzlich: »Warum gibt’s eigentlich nur den Ausdruck ›Hochsommer‹, nicht aber ›Hochwinter‹? Von ›Hochfrühling‹ und ›Hochherbst‹ ganz zu schweigen …« – was halt so alles durch den Kopf rauscht. Der »tiefe Winter«, er genügt mir nicht.

Heute, Auftritt Dominik Jung vom Wetterdienst Qmet in der HAZ: »Dominik Jung vom Wetterdienst Qmet spricht von einem ›nennenswerten Wintereinbruch‹, den ›Elli‹ Hannover gebracht habe. ›Schneehöhen in der Größenordnung gab es zuletzt im Dezember 2010 in Hannover‹, sagt er. ›Vor 40 Jahren wäre das nicht der Rede wert gewesen. Da war Hochwinter im Januar normal‹, sagt Jung.«¹ Super.

An den Dezember 2010 muss ich dieser Tage ebenfalls denken: Da sind in Nürnberg, wo ich behufs Abiturnachholung lebte, in einer Nacht 40 cm Neuschnee gefallen. Bei der Gelegenheit ist der ÖPNV auch zusammengebrochen, die vielfach auch oberirdisch fahrenden »U«-Bahnen sind gar nicht mehr aufs Gleis und die Busse nicht mehr auf den Asphalt geschickt worden.

Weil es damals noch kein Internet gab, Quatsch: Weil das Kolleg damals noch keinen Schnellkommunikationsweg zu den Schüler*innen hatte und ich in fußläufiger Entfernung gewohnt habe, bin ich halt hingelatscht oder vielmehr -stapft, um zu kucken, ob der Unterricht entsprechend meiner Vermutung ausfallen würde. Als einer von ganz wenigen Hanseln, die es ebenfalls hingeschafft haben, war ein pedantischer Chemielehrer anwesend. Der dann auch bis zur offiziellen Schulausfallmeldung gewartet hat, ehe er unter seinem Schnauzer hervorjodelte, dass die Schule tatsächlich ausfallen würde.

Nicht nur ergab sich dadurch ein langes Wochenende, weil besagtes Schneechaos an einem Freitag durchgeführt wurde. Sondern noch besser für mich: Ich hätte an dem Tag eine Ethik-Kurzarbeit nachschreiben müssen. Das musste ich dann erst am übernächsten Samstag.

Erinnerlich ist mir dieser Herr übrigens, weil er sich nicht nur einmal beklagt hat, dass Physiknobelpreisträger*innen stets viel mehr öffentliches Ansehen genössen als z. B. Chemienobelpreisträger*innen. Wo doch aber seiner Meinung nach letztere mindestens genauso wichtig, wenn nicht gar wichtiger wären, weil doch ohne Chemie letztlich gar nix ginge und das überhaupt die wichtigste Wissenschaft sei. Jamei.

Und im Dezember 2010 fanden auch die letzten Weißen Weihnachten aller Zeiten statt. Es war der letzte Winter, in dem ich ein eigenes Auto besaß, ehe ich es im darauffolgenden Hochfrühling verkaufte, weil es mir sonst vor der Haustür zusammengerostet wäre. Am 24.12. fuhr ich des Nachmittags zu meiner Familie nach Niederbayern runter. Weil es abermals einiges geschneit hatte, »ging« auf der Autobahn nicht mehr viel und ich musste teilweise mit 30 km/h dahingurken, wo man sonst 10 000 fährt. Ich brauchte für die Strecke, glaube ich, zwischen zwei- und dreimal so lange wie normal. Bei Ankunft war es schon saudunkel, aber das ist es im Winter ja lange.

Der Autoverkauf the following season lief auch erstaunlich. Ich stellte die Karre in irgendeinem oder irgendzwei geläufigen Autoverkaufsportalen ein und recht bald meldete sich jemand. Kam bald darauf das zur Nachricht gehörige Ehepaar vorbei – bezahlte bei mir in der Wohnung ohne Verhandlung den gewünschten Kaufbetrag, ohne sich das Fahrzeug überhaupt anzugucken, und fuhr dann davon. Das Geld war kein Falschgeld und ich hatte keinerlei Sperenzchen mehr, das Ehepaar waren also keine falschen Fuffzger.

Dass ich kein Automobil mehr besaß, juckte mich gar nicht, war ich ohnehin fast ausschließlich mehr mit Fahrrad und Öffis unterwegs. Mit Fahrrad an dem 40-cm-Neuschneemorgen übrigens auch: Ich nutzte die Gelegenheit, um »Eisspeedway« zu fahren, also, wo es die Straßen zuließen, herumzusausen und mit angezogener Hinterradbremse herumzusliden. »Eisspeedway« ist etwas anderes als »Kurierfahren«, was eine fahrradbegeisterte Mibi (= Mibbbewohnerin) gerne mit Freund*innen angetrunken betrieb, nämlich bei möglichst schwierigen Fahrbahnbedingungen so schnell und gefährlich, wie’s geht, herumzuradeln.

Eisspeedway ist eigentlich ein Sport, bei dem auf Motorrädern mit Spikes über eine vereiste, bahnradbahnartige ovale Schnellbahn um die Wette gefahren wird. Mein Vater – requiescat in pace – hatte das immer gerne im Fernseh angeschaut, als ich ein Kind gewesen war … doch dieser Text ist nun an Assoziationen reich genug. Ich kann’s aber noch!

¹ Tobias Kurz/Andreas Schinkel/Matthias Arnold: »Stärkster Wintereinbruch seit 15 Jahren legt viele Probleme offen«, Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 10/2026, 13.01.2026, S. 1.

Salon-X-Factor – Das Unfassbare

Herzlich willkommen zu bei Salon-X-Factor – Das Unfassbare.

»Was wünschen Fledermäuse einander zum Schlafengehen? – – – Guten Tag!« Dieser Spitzenwitz fällt Andreas L. neulich auf einem Geburtstag mit Familie und Verwandten aus heiterem Himmel ein. Gleich mehreren Leuten erzählt er ihn, sie nehmen ihn unterschiedlich auf. Person K. versteht ihn nicht, also erläutert er ihn.

Anderntags hört er von anderen Personen das Wort Fledermaus und verzapft freilich sofort den vortags erfundenen Witz. Auch zugegen ist K., die ihn beim ersten Mal nicht verstanden hat, und versteht ihn wieder nicht. Aber plötzlich sagt sie zu ihrer Eheperson W.: »Hä?! Hat uns diesen Witz nicht vorgestern Frau XY erzählt?!« Die Eheperson bestätigt. Andreas kennt Frau XY nicht, hat auch nie mit ihr gesprochen.

Heissa, das wäre ja mal ein Zufall! Schnell wirft Andreas ein, er selbst hätte den Witz K. vortags schon erzählt. Doch W. bestätigt, XY hätte den gleichen Witz zwei Tage vorher auch erzählt.

Auf Nachfrage bestätigt XY, dass es dieser Witz gewesen ist. Und das gibt’s doch nicht! Andreas schwört, er habe diesen Witz nicht irgendwo gehört, sondern er sei ihm beigeflogen. Aber dass eine ihm völlig unbekannte Person ihn einen Tag, bevor er ihm einfällt, der ihnen beiden bekannten K. erzählt – das ist doch eine Art Quantenverschränkung.

Doch jetzt kommt’s: Ist diese Geschichte wirklich passiert, oder haben wir sie uns ausgedacht?

*

[Werbung, dö-dümm döö-dümmmm]

*

[blaues Licht, Nebel aus Nebelmaschinen]

Willkommen zurück bei Salon-X-Factor – Das Unfassbare. Und, haben sie sich entschieden? Ist die Geschichte um den gleichen Witz der beiden einander unbekannten Personen wahr oder ist sie frei erfunden? Sie ist – – – wahr. Diese Geschichte ist genau so passiert.

Ihr Salohnathan du Frakesmage

Die verwehrten Spaghetti

In irgendwelchen Schulferien übernachtete ich mal bei einem Freund. So mit 10 ungefähr. Sie hatten ihr Haus in unserer Siedlung. Nur 118 m entfernt, nachgemessen mit der Kartenapp OsmAnd~. Anders, als bei solchen Übernachtungen bei Freunden üblich, verbrachte ich auch den Vormittag dort. Bis zum Mittagessen.

Es gab Spaghetti Bolognese. Die Portion, die mir serviert wurde, war recht unüppig. Wo ich mir bei diesem Essen sonst den Bauch vollschlug, bis nichts mehr reinpasste.

Den Teller geleert, fragte ich, ob ich noch Nachschlag haben könne. »Naa, des geht ned, weil da Gertl aa no wos braucht, wenna von da Oabat hoam kimt!«

Und so ging ich heim, noch hungrig. Ob ich dann noch ›was Richtiges‹ aß, oder ob ich mir den Bauch mit Süßkram füllte, ich weiß es nicht.

Seither denke ich bei Spaghetti oft an die verwehrten Spaghetti. Und an meine Verdatterung, als ich keinen Nachschlag haben durfte.

Corrigendum: BRAVO, Scooter, Hyper, Hyper

Die BRAVO wird’s gewesen sein, der ich Mitte der 90er Jahre als Grundschulbub entnahm, der Titel des Scooter-Initialhits »Hyper, Hyper« sei mit »Höher, schneller, weiter« zu übersetzen. »Wie soll denn die Geminatio eines einzigen Lexems mit der asyndetotischen Reihung dreier verschiedener Lexeme übersetzt werden?«, fragte ich mich, noch während ich mir z. B. die Nackerten im Dr.-Sommer-Bereich ansah. »Nein, nein«, dachte ich, in die BRAVO-Foto-Lovestory einbiegend und den 30 Jahre später gelesenen Lexikoneintrag im Rücken, es muss schon »Aufgedreht, aufgedreht« heißen.

Du hast einen neuen Beitrag auf Salon du Fromage veröffentlicht

Alle heiligen Zeiten kommt’s mal vor, dass ich unter einem auf der Google-Plattform Blogger gehosteten Blog etwas drunterkommentiere. Freilich setze ich im Kommentarformular das Häkchen bei »Mich benachrichtigen«. Und dann bekomme ich, sobald der Kommentar vom Blogbetreiber freigeschaltet ist, eine E-Mail an meine Gmail-Adresse: »Andreas Maria Lugauer hat einen neuen Kommentar zu deinem Post […] [i. e. der des Blogbetreibers] hinterlassen:«.

Mithin benachrichtigt Google mich Kommentator so, als ob ich jener Blogbetreiber wäre. Selbst wenn der Blogbetreiber auf meinen Kommentar mit einem Kommentar antwortet, bekomme ich wiederum eine E-Mail: »[Der Blogbetreiber] hat einen neuen Kommentar zu deinem Post […] [notabene der des Blogbetreibers] hinterlassen:«.

Und dieser Quatsch geht schon seit Jahren so. Merkt da eigentlich überhaupt noch irgendwer irgendwas? Einen Teufel werde ich jedenfalls tun, irgendwem Bescheid zu sagen. Soll halt ihre KI die Sache in die Hand nehmen. Zur Not, nachdem sie diesen Beitrag gescrapet hat.

Viel zu groß, viel zu klein

Mit zwei völlig verkehrten Dingen bin ich aufgewachsen. Das eine viel zu groß, das andere viel zu klein.

(1) Dass eins zum Abtrocknen nach der Dusche ein großes Handtuch brauche, stimmt ja nun überhaupt nicht. Ein kleines bzw. ein Hand-Handtuch reicht vollkommen. Außerdem ist es praktischer zum Aufhängen und Trocknenlassen.

(2) Standarddecken von 135 x 200 cm sind für Ü-180-cm-Menschen wie mich viel zu klein. »Was?! Da stehen ja wohl 20 cm über, das wird doch wohl reichen!«, mag jemand daherrampentern. Stimmt aber nicht. Was habe ich mich bis Mitte 20 geschunden, gemütlich zu schlafen. Das Dilemma: Entweder habe ich die Füße bedeckt, dann waren die Schultern frei. Oder ich habe die Schultern bedeckt, dann waren die Füße frei. Abhilfe bot nur die Fötushaltung, aber das ist doch ein Witz; außerdem ist sie Studien zufolge ungesund. Die Entdeckung ›übergroßer‹ Decken von 155 x 220 cm war für mich eine wirkliche Entdeckung! Endlich würdig schlafen, alles komplett bedeckt ohne Krümmen und Biegen und/oder Unbedecktzonen.

Die Gewissensfrage

Kurz und knapp: Mein gebuchter ICE hat über 80 Minuten Verspätung. Die Zugbindung ist aufgehoben. Sitze ich also auf derselben Strecke in einem anderen ICE. Er hat selbst einen Haufen Verspätung angesammelt. Seine Abfahrts-/Ankunftszeiten sind fast dieselben wie die meines ursprünglich gebuchten Zugs. Im Prinzip können mir die Bahnverspätungen also wurscht sein. Der Schaffner macht eine entschuldigende Durchsage: Weil der ICE so eine Mordsverspätung hat, dürfen sich die Fahrgäste als Entschädigung im Bordbistro einen Tetrapak Trinkwasser abholen. Meine Gewissensfrage: Darf ich mir da jetzt auch ein Wasser holen, obwohl ich im Prinzip von gar keiner Verspätung betroffen bin? Ach, wenn doch Dr. Dr. Rainer Erlinger noch mit seiner SZ-»Gewissensfrage« aktiv wäre! Da könnte ich diesen Vollquatsch nun hinschicken.

Zum letzten Mal: HAZ

»Erinnerst Du Dich noch, dass ich mal ein HAZ-Probeabo abgeschlossen habe, um Papier für in den Biomüll unten rein zu haben? Das hat sehr gut funktioniert: Ich bekam 14 Tage die HAZ, die praktisch ungelesen in die Schublade für Biomülleimerpapier wanderte, und ansonsten behelligte mich die verantwortliche Madsack Gruppe nicht. Keine Werbung, kein gar nix. Nur 14 Tage HAZ. Das Abo endete wie versprochen automatisch.« (HAZ/NP) Das war Ende 2022.

Und erinnerst Du Dich noch, wie ich im Sommer 2024 geschrieben habe: »Als ich nun vor einiger Zeit mal wieder etwas online bestelle, bietet man mir wieder ein Dankeschöngeschenk an. Unter all dem Krempel entscheide ich mich abermals für ein 14-Tage-Probeabo […]. Doch diesmal soll es anders laufen: Keine einzige NP-Ausgabe kommt bei mir an. Nachhaken tu ich freilich nicht, wer weiß, was dann passiert.« (ebd.)

Und nun ist es schon wieder passiert! Ich habe im Nachgang irgend einer vermutlich mächtigen Online-Bestellung ein Probeabo der HAZ bestellt! Diesmal sogar mit 14-Tage-Onlinezugang! Den wollte ich, es stimmt wirklich, mal ausprobieren. Aber was passiert? Kriege ich, wie versprochen, nach spätestens drei Tagen Onlinezugang? Nein. Es passiert, wie beim letzten Mal, gar nix.

Doch diesmal lese ich die Bestätigungs-E-Mail. Und darin steht, ich hätte es nicht für möglich gehalten: »Im Rahmen des Bestellprozesses prüft der Anbieter, ob Sie für eine Probe berechtigt sind. Bitte beachten Sie, dass Sie im Fall einer Ablehnung nicht informiert werden.« Ich wiederhole: »Bitte beachten Sie, dass Sie im Fall einer Ablehnung nicht informiert werden.« (meine Hervorh.) Was ist denn das für ein Kundenservice? Täglich werden, keine Ahnung, Milliarden unnötiger und unnötigster E-Mails durch die Welt geschickt, gewiss nicht wenige von diesem Anbieter, aber für ein kurzes »Ey sorry, aber no.«, evtl. gar mit Begründung (»Jeder nur ein Probeabo, Freundchen!«), ist er sich zu fein?

Pah! Bei denen bestelle ich (wahrscheinlich) gewiss kein Probeabo mehr.

Die Leere

06.01.2025 • Wofür ich erst in die Großstadt ziehen, heiraten und eine Frau zur Familienmutter gemacht haben musste: Sowohl wild anmutende Weihnachtsbaumablagestellen in Wohnviertelparks/unter großen Trottoirbäumen kennenzulernen als auch das Gefühl, einen abgeschmückten Weihnachtsbaum an der Spitze gepackt durch die Gegend zu so einem zu schleifen. Denn ungefähr so wie Letzteres muss es sich anfühlen, einen mit beispielsweise einem Tierkadaver oder gar einer Leiche gefüllten Sack durch die Gegend zu ziehen. Etwas, das ich nur aus den Medien kenne. Die Erfahrung mit dem Weihnachtsbaum reicht mir auch vollkommen.

Eine Erfahrung, die sich im Laufe meiner Lebensjahre stark geändert hat: Der Wechsel zwischen aufgebautem und entferntem Weihnachtsbaum. Meine Eltern bauten den katholischerweise sogenannten Christbaum stets am 23. Dezember auf (als ich Jüngster nicht mehr ans Christkind glaubte, schmückten wir Kinder an dem Abend auch mit), und am 6. Januar, dem Dreikönigstag, bauten sie ihn wieder ab (dabei halfen wir Kinder freilich niemals). Das markierte das Ende der auf die Weihnachtszeit folgenden Zeit ›zwischen den Jahren‹ (auf die verlinkte Goldt-Hommage bin ich bis heute stolz).

War der Christbaum weg, konnten wir zwar die Terrassentüre wieder mehr als nur einen größeren Spalt öffnen, nämlich ganz, aber mit dem Christbaum war auch der Zauber weg. Der Zauber der Zeitenthobenheit, der die Weihnachtsferien umgab. Die im Wohnzimmer entstandene räumliche Leere bildete sich in mir als Gefühl der inneren Leere ab.

Heute habe ich das gar nicht mehr. Erst ist der Baum ab kurz vor Heiligabend da. Was schön ist. Doch auch etwas unkommod, weil mit vollem Wäscheständer und spielsachenübersätem Boden wenig Bewegungsfreiheit und viel Stapfnotwendigkeit herrscht. Und dann ist er ab ca. dem 6. Januar nicht mehr da. Und dann ist endlich wieder Platz. Und dann Ganz ohne Gemütsbewegung.

Netflix Wrestling Entertainment

Als 15jähriger Bub, es ist der Anfang des Jahrtausends, schaute ich Woche für Woche die einstündige Zusammenfassung von WWF SmackDown! auf TM3. (Einem Fernsehsender, der als »Frauensender« betrieben wurde.) Was ich mir da auch nicht vorstellen konnte, weil es das alles einfach noch nicht gab: Dass ich fast ein Vierteljahrhundert später um 5:30 Uhr in der Früh im Badezimmer stehe und während des Zähneputzens auf dem Smartphone auf Netflix via VPN über einen US-Server die erste WWE-Raw-Ausgabe laufen lasse, die der sTrEaMiNg-GigAnT überträgt.

Davon habe ich in den letzten Tagen zufällig gelesen, als ich mal wieder im Wrestling-rabbit-hole versunken war und unter anderem das Hell-in-a-Cell-Match The Undertaker vs. Mankind von 1998 geschaut hatte (hier das Reaction-Video der beiden von 2023). Und dann sehe ich es morgens auf BlueSky wieder, weil sich zahlreiche Leute über eine peinliche Situation amüsieren: Terry »Hulk Hogan« Bollea tritt auf, will eine »promo« »cutten« (d. h. eine Ansage ans Publikum machen) und wird von den 17 000 Leuten im Intuit Dome, Inglewood, Los Angeles, CA, ausgebuht. Weil er beim letztjährigen Nominierungsparteitag der Republikaner aufgetreten war, auf dem Donald Trump gEkürT worden war.

In den ersten paar Raw-Minuten treten auf: Triple H, der es zwar auch ein bisschen ins Filmgeschäft, aber nie aus der WWF WWE geschafft hat, und The Rock, mit dem ich wirklich nicht gerechnet hatte. Nach meiner Wahrnehmung ist aus vormals Dwayne »The Rock« Johnson, dem Schauspieler mit der Wrestlingvergangenheit, doch schon lange Dwayne Johnson der Schauspieler geworden.

Wie überall: Sie hängen sich verzweifelt an die good ol’ times. Und natürlich muss in alle Mikrofone – von Kommentatoren und Auftretenden – unendlich oft »Netflix« gesagt werden. (Was man sich vertraglich wohl hatte zusichern lassen? Und ob ein Praktikant per Klickzähler oder eine KI mitzählen muss?)

Triple H jedenfalls verkündet als erster Auftretender mitten im Ring: »Welcome … to the … NET-FLIX-ERA!!!« Und ich denke: »Ah, jetzt wollen sie das Produkt endgültig ramponieren.«

(Warum Netflix-Filme mittlerweile bis zur Unerträglichkeit schlecht geworden sind, hat ein Herr namens Will Tavlin in einem langen Text kürzlich hier dargelegt: https://www.nplusonemag.com/issue-49/essays/casual-viewing/.)

Das ist freilich eine Referenz auf die verschiedenen Ären, die die WWF WWE durchlaufen hat:

  • Golden Era (1980–1993)
    • Hulk Hogan usw.
  • New Generation Era (1993–1997)
    • Bret »The Hitman« Hart etc.
  • Attitude Era (1997–2002)
    • z. B. Stone Cold Steve Austin, The Undertaker, The Rock
  • Ruthless Aggression Era (2002–2008)
    • ab hier kenne ich mich nicht mehr aus
  • PG Era (2008–2014)
    • die WWE wollte familienfreundlich/er werden: PG bedeutet Altersfreigabe ab 6 Jahren (Parental Guidance Suggested)
  • Reality Era (2014–2016)
  • New Era (2016–2021)
    • hahaha, nEw eRa
  • Post-COVID-19 period (2021–2023)
    • uff, Freunde, wie kreativ
  • WWE under Endeavor after the formation of TKO (2023–present)
    • to be renamed in the future, can’t know what era you live in. Wobei: Vor allem die Attitude- und die Ruthless-Aggression-Era wurden währenddessen so genannt

Aber zurück zu Netflix: Die Entrance von The Rock dauert mehrere Minuten, er hat so viele Hände abzuklatschen, bevor er in den Ring steigen kann. Über seine Schulter gelegt trägt er einen Wrestling-Champion-Gürtel. »Hä, ist er wohl schon länger wieder dabei und aktuell WWE-Champion?«, denke ich.

Aber nein, natürlich nicht: Es ist der Peoples Championship Belt, den The Rock letztes Jahr von Muhammad Alis Witwe Lonnie Ali bei dessen postumer Einführung in die WWE Hall of Fame (wofür auch immer, ich duckduckgoe das jetzt nicht auch noch) verliehen bekommen hatte. Für Nichteingeweihte: Der sehr beliebte The Rock war immer der People’s Champion und sein Finishing Move, ein frenetisierend angeleierter, doch letztlich läppischer Elbow Drop, hieß The People’s Elbow.

The Rock wird wohl wieder öfter als Wrestler auftreten. Und seinen Ehrengürtel wird ihm sicher irgend ein Bösewicht oder so klauen oder gar rechtmäßig per Match abnehmen. Und The Rock gewinnt ihn dann wieder oder holt ihn sich irgendwie zurück. Gähn.

Völlig albern – ich bin mit dem Zähneputzen fast fertig – wird’s, bevor The Rock einen seiner signature shouts ins Mikro plärrt: »Finally … The Rock … has come back … to [gedehnt:] Los Angeles!« Das hat er früher zu Beginn jeder gecutteten Promo verkündet (ich glaube, egal, ob er in der jeweiligen Stadt schon mal aufgetreten war oder nicht). Denn zuvor variiert er das zu: »Finally … The WWE … has come back … to [gedehnt:] Netflix!« Das ist so blöd, mir scheint, da musste er selber schmunzeln.

Da schalte ich dann aus, weil ich das Haus in den Nieselregen verlassen muss. The Rock beendet seinen Sermon gewiss wie seit je üblich mit: »If you smeeeeeeeeellllll … what The Rock … is cookin’!« – was ich früher nie verstanden habe, da mir nicht klar war, dass if nicht nur ›wenn‹, sondern auch ›ob‹ bedeuten kann – und ich werde mir das künftig gewiss nicht ansehen. Denn erstens bin ich kein pubertierender Depp mehr. Und zweitens dauert der Quatsch immer sage und schreibe drei Stunden.

Wundern tue ich mich darüber, dass sowohl Triple H als auch The Rock plärren: »people all over the world are watching«. Ob die davon ausgehen, dass sich nicht in den USA befindliche Leute via VPN einklinken? Und wie zur Hölle funktioniert eigentlich das Internet, wenn ich mich alle paar Sekunden mit einem anderen VPN-Server irgendwo auf der Welt verbinden und also verschiedenste Standorte simulieren kann, mich aber keine einzige Webseite/App jemals fragt: »Moment mal, Freundchen, da stimmt doch was nicht?« Es ist mir wirklich wurscht.