Die Leere

06.01.2025 • Wofür ich erst in die Großstadt ziehen, heiraten und eine Frau zur Familienmutter gemacht haben musste: Sowohl wild anmutende Weihnachtsbaumablagestellen in Wohnviertelparks/unter großen Trottoirbäumen kennenzulernen als auch das Gefühl, einen abgeschmückten Weihnachtsbaum an der Spitze gepackt durch die Gegend zu so einem zu schleifen. Denn ungefähr so wie Letzteres muss es sich anfühlen, einen mit beispielsweise einem Tierkadaver oder gar einer Leiche gefüllten Sack durch die Gegend zu ziehen. Etwas, das ich nur aus den Medien kenne. Die Erfahrung mit dem Weihnachtsbaum reicht mir auch vollkommen.

Eine Erfahrung, die sich im Laufe meiner Lebensjahre stark geändert hat: Der Wechsel zwischen aufgebautem und entferntem Weihnachtsbaum. Meine Eltern bauten den katholischerweise sogenannten Christbaum stets am 23. Dezember auf (als ich Jüngster nicht mehr ans Christkind glaubte, schmückten wir Kinder an dem Abend auch mit), und am 6. Januar, dem Dreikönigstag, bauten sie ihn wieder ab (dabei halfen wir Kinder freilich niemals). Das markierte das Ende der auf die Weihnachtszeit folgenden Zeit ›zwischen den Jahren‹ (auf die verlinkte Goldt-Hommage bin ich bis heute stolz).

War der Christbaum weg, konnten wir zwar die Terrassentüre wieder mehr als nur einen größeren Spalt öffnen, nämlich ganz, aber mit dem Christbaum war auch der Zauber weg. Der Zauber der Zeitenthobenheit, der die Weihnachtsferien umgab. Die im Wohnzimmer entstandene räumliche Leere bildete sich in mir als Gefühl der inneren Leere ab.

Heute habe ich das gar nicht mehr. Erst ist der Baum ab kurz vor Heiligabend da. Was schön ist. Doch auch etwas unkommod, weil mit vollem Wäscheständer und spielsachenübersätem Boden wenig Bewegungsfreiheit und viel Stapfnotwendigkeit herrscht. Und dann ist er ab ca. dem 6. Januar nicht mehr da. Und dann ist endlich wieder Platz. Und dann Ganz ohne Gemütsbewegung.

Netflix Wrestling Entertainment

Als 15jähriger Bub, es ist der Anfang des Jahrtausends, schaute ich Woche für Woche die einstündige Zusammenfassung von WWF SmackDown! auf TM3. (Einem Fernsehsender, der als »Frauensender« betrieben wurde.) Was ich mir da auch nicht vorstellen konnte, weil es das alles einfach noch nicht gab: Dass ich fast ein Vierteljahrhundert später um 5:30 Uhr in der Früh im Badezimmer stehe und während des Zähneputzens auf dem Smartphone auf Netflix via VPN über einen US-Server die erste WWE-Raw-Ausgabe laufen lasse, die der sTrEaMiNg-GigAnT überträgt.

Davon habe ich in den letzten Tagen zufällig gelesen, als ich mal wieder im Wrestling-rabbit-hole versunken war und unter anderem das Hell-in-a-Cell-Match The Undertaker vs. Mankind von 1998 geschaut hatte (hier das Reaction-Video der beiden von 2023). Und dann sehe ich es morgens auf BlueSky wieder, weil sich zahlreiche Leute über eine peinliche Situation amüsieren: Terry »Hulk Hogan« Bollea tritt auf, will eine »promo« »cutten« (d. h. eine Ansage ans Publikum machen) und wird von den 17 000 Leuten im Intuit Dome, Inglewood, Los Angeles, CA, ausgebuht. Weil er beim letztjährigen Nominierungsparteitag der Republikaner aufgetreten war, auf dem Donald Trump gEkürT worden war.

In den ersten paar Raw-Minuten treten auf: Triple H, der es zwar auch ein bisschen ins Filmgeschäft, aber nie aus der WWF WWE geschafft hat, und The Rock, mit dem ich wirklich nicht gerechnet hatte. Nach meiner Wahrnehmung ist aus vormals Dwayne »The Rock« Johnson, dem Schauspieler mit der Wrestlingvergangenheit, doch schon lange Dwayne Johnson der Schauspieler geworden.

Wie überall: Sie hängen sich verzweifelt an die good ol’ times. Und natürlich muss in alle Mikrofone – von Kommentatoren und Auftretenden – unendlich oft »Netflix« gesagt werden. (Was man sich vertraglich wohl hatte zusichern lassen? Und ob ein Praktikant per Klickzähler oder eine KI mitzählen muss?)

Triple H jedenfalls verkündet als erster Auftretender mitten im Ring: »Welcome … to the … NET-FLIX-ERA!!!« Und ich denke: »Ah, jetzt wollen sie das Produkt endgültig ramponieren.«

(Warum Netflix-Filme mittlerweile bis zur Unerträglichkeit schlecht geworden sind, hat ein Herr namens Will Tavlin in einem langen Text kürzlich hier dargelegt: https://www.nplusonemag.com/issue-49/essays/casual-viewing/.)

Das ist freilich eine Referenz auf die verschiedenen Ären, die die WWF WWE durchlaufen hat:

  • Golden Era (1980–1993)
    • Hulk Hogan usw.
  • New Generation Era (1993–1997)
    • Bret »The Hitman« Hart etc.
  • Attitude Era (1997–2002)
    • z. B. Stone Cold Steve Austin, The Undertaker, The Rock
  • Ruthless Aggression Era (2002–2008)
    • ab hier kenne ich mich nicht mehr aus
  • PG Era (2008–2014)
    • die WWE wollte familienfreundlich/er werden: PG bedeutet Altersfreigabe ab 6 Jahren (Parental Guidance Suggested)
  • Reality Era (2014–2016)
  • New Era (2016–2021)
    • hahaha, nEw eRa
  • Post-COVID-19 period (2021–2023)
    • uff, Freunde, wie kreativ
  • WWE under Endeavor after the formation of TKO (2023–present)
    • to be renamed in the future, can’t know what era you live in. Wobei: Vor allem die Attitude- und die Ruthless-Aggression-Era wurden währenddessen so genannt

Aber zurück zu Netflix: Die Entrance von The Rock dauert mehrere Minuten, er hat so viele Hände abzuklatschen, bevor er in den Ring steigen kann. Über seine Schulter gelegt trägt er einen Wrestling-Champion-Gürtel. »Hä, ist er wohl schon länger wieder dabei und aktuell WWE-Champion?«, denke ich.

Aber nein, natürlich nicht: Es ist der Peoples Championship Belt, den The Rock letztes Jahr von Muhammad Alis Witwe Lonnie Ali bei dessen postumer Einführung in die WWE Hall of Fame (wofür auch immer, ich duckduckgoe das jetzt nicht auch noch) verliehen bekommen hatte. Für Nichteingeweihte: Der sehr beliebte The Rock war immer der People’s Champion und sein Finishing Move, ein frenetisierend angeleierter, doch letztlich läppischer Elbow Drop, hieß The People’s Elbow.

The Rock wird wohl wieder öfter als Wrestler auftreten. Und seinen Ehrengürtel wird ihm sicher irgend ein Bösewicht oder so klauen oder gar rechtmäßig per Match abnehmen. Und The Rock gewinnt ihn dann wieder oder holt ihn sich irgendwie zurück. Gähn.

Völlig albern – ich bin mit dem Zähneputzen fast fertig – wird’s, bevor The Rock einen seiner signature shouts ins Mikro plärrt: »Finally … The Rock … has come back … to [gedehnt:] Los Angeles!« Das hat er früher zu Beginn jeder gecutteten Promo verkündet (ich glaube, egal, ob er in der jeweiligen Stadt schon mal aufgetreten war oder nicht). Denn zuvor variiert er das zu: »Finally … The WWE … has come back … to [gedehnt:] Netflix!« Das ist so blöd, mir scheint, da musste er selber schmunzeln.

Da schalte ich dann aus, weil ich das Haus in den Nieselregen verlassen muss. The Rock beendet seinen Sermon gewiss wie seit je üblich mit: »If you smeeeeeeeeellllll … what The Rock … is cookin’!« – was ich früher nie verstanden habe, da mir nicht klar war, dass if nicht nur ›wenn‹, sondern auch ›ob‹ bedeuten kann – und ich werde mir das künftig gewiss nicht ansehen. Denn erstens bin ich kein pubertierender Depp mehr. Und zweitens dauert der Quatsch immer sage und schreibe drei Stunden.

Wundern tue ich mich darüber, dass sowohl Triple H als auch The Rock plärren: »people all over the world are watching«. Ob die davon ausgehen, dass sich nicht in den USA befindliche Leute via VPN einklinken? Und wie zur Hölle funktioniert eigentlich das Internet, wenn ich mich alle paar Sekunden mit einem anderen VPN-Server irgendwo auf der Welt verbinden und also verschiedenste Standorte simulieren kann, mich aber keine einzige Webseite/App jemals fragt: »Moment mal, Freundchen, da stimmt doch was nicht?« Es ist mir wirklich wurscht.

Wobei ich mich immer dumm und dämlich suche

Wobei ich mich immer dumm und dämlich suche: Wenn ich in dieser Emoji-Übersicht eine bestimmte Hand- oder Fingergeste suche.

Ganz egal, welche Geste ich suche: stets suche ich die paar Zeilen ein paar Mal ab. Dabei hilft mir auch nicht, dass die Gesticons (?) in WhatsApp (oben) und der Androidtastatur (unten) unterschiedlich angeordnet sind. Dass die EU da noch nicht normierend eingeschritten ist!

Brauchen tu ich meist eh nur diese: 🤝 und ☝️. Wobei ☝️ am schlimmsten ist, da finde ich auf Anhieb erst mal ein paar Mal 👆, obwohl das was ganz anderes ist. Jedenfalls kommt es mir vor, als würde mein Smartphone stets schon wissen, wonach ich suche (Stichworte: sinnerfassendes Lesen, Augenbewegungsanalyse, Gedankenlesen), und das dann aus Jux verstecken, nur um es rechtzeitig, bevor ich es, das Smartphone, etwa vor Wut auf dem Boden zerschellen lasse, doch noch zu präsentieren.

Erfahrungsbericht: Glasfaserlecht und das Internet genießen

Wie in diesem Beitrag neulich bekannt gegeben, wurde in unserem Haushalt ein Glasfaseranschluss eingerichtet, der den alten DSL-Anschluss (gähn!) ersetzt. Gemacht hat das Ganze die berüchtigte Firma Telekom, das Verschrien-sein-Pendant zur Deutschen Bahn.

Doch was habe ich zu berichten: Der Techniker, der die Leitung in die Wohnung legen sollte, war an einem Tag für den Zeitraum 8–12 Uhr bestellt und klingelte bereits um 11:15 Uhr, wenngleich an der falschen Tür, aber das ließ sich schnell klären. Und schon um 12:15 Uhr verließ er die Wohnung verrichteter Dinge. Er hatte zuvor die von ihm verlegte Leitung ›durch‹gemessen und alles hatte funktioniert.

Nun hieß es: Warten auf den Schalttermin, d. h. den 13 Tage danachenen Tag, an dem uns alles freigeschaltet bzw. ein benutzbares Signal in das Glasfasermodem gejagt wurde. In der Nacht auf diesen Tag bekam ich also eine E-Mail zur Einrichtung. Ich erledigte alles, wozu mich der Assistent aufforderte. Und tadaa: Das Glasfasermoden wurde beim ersten Versuch und ohne Mätzchen erkannt.

Doch noch konnten wir das superschnelle Internet nicht genießen: Denn ich konnte den alten Fritz unsere FRITZ!Box (das sie mit diesem depperten Namen durchkommen …) nicht einrichten. Warum? Sie forderte mich zur Eingabe der seltsamen Zugangsdaten des Anschlusses auf (Zugangsnummer, Persönliches Kennwort, Anschlusskennung (?), Mitbenutzernummer (??) – what’s all this fuss about?). Und die hatte ich nicht. Alle voran- bzw. eingegangenen E-Mails der Telekom durchgegangen: nichts. Nirgends.

Also Kundenservice angerufen. Bereits jetzt verärgert, denn das konnte ja was werden! Warteschleife warten rausfliegen noch mal anrufen Ansage Band Musik rausfliegen warten ah jetzt oh ein unfreundlicher Depp. Doch es kam ganz anders: Die Computerstimme bot mir einen Rückrufservice an und fragte mich, ob ich innert der nächsten zwei Stunden zurückgerufen werden wolle. » J A ! « Lieb gemeint, aber für mich doch nervig, fragte sie freundlich, aber gefühlt unendlich langezogen: »Wollen Sie unter der Rufnummer …« » J A A – A ! «, fiel ich ihr in die Frage, ob ich unter der Rufnummer, unter der ich gerade anrief, zurückgerufen werden wolle, woraufhin der Computermann sein dummes Maul hielt, sich freundlich bedankte und verabschiedete.

Keine zwei Stunden später läutet auch schon das Telefon, Telekom dran. Es meldet sich wieder der Computermann und sagt mir, was ich zur Identifikation bereithalten soll. Weil ich lieber mit Bluetoothohrhörer telefonieren möchte, lege ich beim Einstöpseln und Verbinden des (ach, weil’s so schön hässlich ist, dieses Wort noch mal) Bluetoothohrhörers versehentlich auf.   Z E F I X !  Kurz warte ich in der vergeblichen Hoffnung, dass ich gleich noch mal angerufen werde, aber vergeblich. Ich finde, solche versehentlichen Aufleger sollten die Maschinen schon in der Lage sein zu erkennen. Telekom, programmier das doch ein! Also rufe ich noch mal bei der Hotline an und lasse mich für einen Rückruf innerhalb von zwei Stunden eintragen.

Innerhalb von zwei Stunden ruft denn die Telekom zurück. Die sehr freundliche Mitarbeiterin ist sehr kompetent und hilft mir hilfreich. Die angefragten Zugangsdaten e-mailt sie mir per verschlüsselter PDF (E-Mails sind ja so sicher wie Postkarten), das Passwort kriege ich per SMS, beides trifft noch während des Telefonats ein. Auch bei einem anderen, einem Account-Problem, das vermutlich gar nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt, kann sie mir sofort helfen, und die Hilfe hilft dann auch wirklich.

Sofort nach dem Telefonat copy-paste ich den Zugangsdatensalat in die Maske in der FRITZ!Box (und ich Depp schreibe diesen depperten Namen auch noch in der Eigenschreibweise) und die FRITZ!Box richtet den Anschluss auf Anhieb ein.

Das hätte einer*einem doch früher, glaubt einer*einem doch heute auch niemand: Sowohl mit dem Leitungsverleger als auch mit der Telefonistin der Hotline war ich vollauf zufrieden. Die ganze Glasfaseranschlusseinrichtung hat mir insgesamt so gut wie keinen Stress oder Ärger verursacht. Das darf ich doch eigentlich gar nicht reinschreiben ins Internet. Lob führt doch nur zu Nachlässigkeit.

Hier noch ein Foto mit einem noch besseren Geschwindigkeitsergebnis als oben:

Und falls sich wer fragt, warum die Überschrift dieses Beitrags so seltsam und v. a. falsch ist: Sie stammt nicht von mir, sondern ist die von der WordPress-eigenen KI vorgeschlagene SEO-Verbesserung:

Kreuzfahrer

Zur fragwürdigen Rettung der Kreuzfahrt- und Kriegsschiffs-Werft Meyer eine kleine Anekdote aus dem Urlaub in Rostock diesen Juli: Es ist ein Sonntag am späten Vormittag. 30 °C und strahlender Sonnenschein. Die S-Bahn zum Strandbad Warnemünde, das wir am zweiten Tag erstmals besuchen, ist übervoll. Teilweise müssen Leute am Bahnsteig auf die nächste warten. In den Türbereichen: Boomerpaare mit riesigen, ja hüfthohen Kofferungetümen. Dass Leute an den S-Bahnhöfen aus- und einsteigen wollen, interessiert sie kaum. Sie stehen an ihren Plätzen, als gehörten sie ihnen wie daheim die Eigenheimgrundstücke. Und schauen recht verärgert drein ob des Pöbels, der ja unbedingt auch noch in ihren Zug müsse und nicht auf den nächsten warten könne. Am fürchterlichsten: Einer mit Rollator, der auf einem Klappsitz neben dem Klo sitzt, muss zwischendurch aussteigen. Sein Rollator muss von Fahrgäst*innen teilweise über die Menge gehoben werden. Statt dass die Gepäckboomer wie Zivilisierte kurz auf den Bahnsteig treten, alle aussteigen lassen und dann selber wieder einsteigen. »Mei, vielleicht sind aufm Weg nach Warnemünde ihre Hotels, wo sie einchecken«, denke ich, und an jeder Station, dass sie vielleicht die nächste raus müssen. Bis wir am vorletzten Stopp vor der Endhaltestelle, Warnemünde, riesige – dieses Epitheton ornans braucht’s eigentlich nicht – Kreuzfahrtschiffe durch ein Sieb drücken, Quatsch: passieren. Denn Warnemünde ist, wie ich sehe, nicht nur ein ordinärer Hafen, sondern auch ein Kreuzfahrthafen. »Ach, klar, die Gangblockierer mit den Riesengepäcken sind Kreuzfahrer*innen!« Dass diesen Leuten ihre Umwelt wurscht ist, ist schon an ihrem grausligen Bahnfahrverhalten abzulesen. Aber man soll sich womöglich noch dafür bedanken, dass sie für den Transport zu ihrem Unweltwahnsinn kein Taxi nehmen.

Air Raid

28.06.2021 • Die Angst, dass während dem Spazierengehen mit dem Baby der Große Vogel Greif kommt und es aus dem Kinderwagen in alle Lüfte entführt – das hättet ihr auch nicht geglaubt, dass die im 21. Jahrhundert noch jemand hat, was 😃

27.07.2024 • Auf der Strandpromenade von Warnemünde hat mir gerade ein Trupp aus drei Möwen mein dänisches Softeis mit Schokoüberzug geklaut, ohne dass ich mehr als einen Achtel Flügelschlag gespürt hätte. Die Angst vor dem Großen Vogel Greif, sie ist sofort wieder da.

Cradle

Weil ich mit dem Wort cradle erstmals in der 5. Klasse und auch lange danach nur in Form des Bandnamens Cradle of Filth in Kontakt kam, hat dieses englische Wort für Wiege bis heute für mich NULL positive Konnotationen. Ich verbinde damit ausschließlich inhumanes Gekeife, Tod, Blut, Satan, Verderben et cetera.

Nachdem ich in der Grundschule am liebsten Pop- und Rapmusik gehört hatte, favorisierte ich nach dem Übertritt auf die Hauptschule Crossover, also das Crossover aus Rap und Metal, wie es beispielsweise Clawfinger anboten. Ein Mitschüler aus der 7. Klasse führte uns Buben, die wir auch Zeuch wie Rammstein gernhatten, an härtere Sachen heran. Er hörte schon Black und Death Metal.

Das Inlay einer Kassettenhülle, auf die er uns Death Metal mir unbekannten Ursprungs überspielt hatte, beschriftete ich mit – worüber er sehr lachen musste – »Desk Metal«, weil ich einerseits noch fast kein Englisch konnte und er die Genrebezeichnung andererseits freilich mehr wie Dess Mettl aussprach. Auf der Kassette befand sich aber, da bin ich mir heute recht sicher, wohl eher Black statt Death Metal. Und mir scheint, es müsste sich um Cradle of Filth gehandelt haben.

Im Kinderzimmer legte ich die Kassette ein und drehte auf, aber dann gleich wieder leise, denn ich hatte Angst, meine Eltern könnten mich mit diesem Teufelszeug erwischen. Und vor dem Teufelszeug selbst war mir auch angst. Wer auch immer da so unmenschlich kreischte und keifte, war für mich so real total-maliziös, wie es Horrorgestalten für Kinder eben sind, wenn der Unterschied zwischen Figur und Darsteller*in noch unbekannt ist.

Ein als mystisch-böse wahrgenommener 18jähriger Langhaariger aus einem der Bauerndörfer des Hauptschuleinzugsgebiets hatte sogar einen Dimmu-Borgir-Heckscheibenaufkleber! Sechstklässlergeschichten, er feiere nachts schwarze Messen an Kirchenaltären und auf Friedhöfen, glaubte ich freiweg.

Was gäbe ich dafür, zu wissen, was auf der Kassette drauf war, und es noch mal hören zu können!

Reklameohrwurm

Samstag, 17. Februar 2024, 15:23 Uhr: Beladen mit drei Restmüll-, einer Biomüll- und einer Gelber-Sack-Tüte sowie etwas Altpapier in einer Pappschachtel winde ich mich durch die Wohnungstür und in den Fahrstuhl. Was singt mir Kind der 90er dabei natürlich durch die Ohren?

🗣️ 🎶 Vollbepackt mit tollen Sachen, / die das Leben schöner machen, / hinein ins Weekend-Feeling! // Mit Zott-Sahnejoghurt, / sahnig, fruchtig, frisch und dann / hinein ins Weekend-Feeling! // Mmmh lass Dich mal geh’n, / schalt’ einfach ab, / erleb‘ den sahnigen Geschmack! // Mit Zott ins Weekend-Feeling! 🎶
(Sollte es wirklich jemand nicht kennen: Youtube)

Da sage noch eine*r, das Fernsehen hätte uns¹ nicht ruiniert!

Komplett ramponiert mich die Internetseite musikguru.de, auf die ich stoße, weil ich den Werbesongtext nicht eintippen, sondern copy/pasten will. Die Seite zum Zottsong enthält zusätzlich zum Songtext eine Infosektion »Worum geht’s in dem Song?« mit einer fünfpunktigen Übersicht »☝️ Das Wichtigste in Kürze« und, um mich ist’s nach der Lektüre geschehen, einer »Interpretation«, in der einfach die fünf Stichpunkte noch mal in einem ausformulierten Text präsentiert werden. Freilich wird da aber nicht unautorisierterweise irgendwas daherbehauptet und für ewige Wahrheit ausgegeben, nein, das ganze ist:

Da sage noch eine*r, das Internet würde nicht von lauter Ruinierten gemacht!

¹ mich

Ihre Paketzustellung wurde aktualisiert

Bei einem Fahrradhersteller bestelle ich einen Fahrradständer. Der Fahrradhersteller versendet den Ständer mit FedEx. Im Laufe des Zustellungsprozesses bekomme ich 15,  f ü n f z e h n ! , E-Mails und zwei SMS über Zustellungsstatusänderungen. Sechs E-Mails vom Fahrradhersteller und ganze  n e u n  E-Mails plus zwei SMS von FedEx. Unaufgeforderte SMS von Versanddienstleistern ignoriere ich grundsätzlich als potenzielle Scams, eine davon enthielt sogar einen Link, auf den ich klicken sollte, hahaha.

Die Betreffs der E-Mails in chronologischer Reihenfolge:

  • Fahrradhersteller, 05.02., 10:16 Uhr: Bestellbestätigung
  • Fahrradhersteller, 05.02., 16:15 Uhr: Deine Bestellbestätigung ist unterwegs zu dir
  • FedEx, 05.02., 19:33 Uhr: FedEx Express hat heute ein Paket abgeholt
  • FedEx, 05.02., 19:46 Uhr (auf 19:33 folgend wäre 19:45 lustig gewesen): Ihre Paketzustellung wurde aktualisiert [mir wurscht?]
  • Fahrradhersteller, 05.02., 20:17 Uhr: Dein Paket ist unterwegs! [ach ja?]
  • Fahrradhersteller, 05.02., 22:01 Uhr: Rechnung
  • FedEx, 06.02., 00:38 Uhr: Ihre Paketzustellung wurde aktualisiert [??]
  • FedEx, 06.02., 07:27 Uhr: Ihre Paketzustellung wurde aktualisiert [?????]
  • FedEx, 06.02., 07:53 Uhr: Ihr Paket wird voraussichtlich morgen zugestellt
  • FedEx, 07.02., 07:41 Uhr: Ihr Paket wird heute zugestellt
  • FedEx, 07.02., 07:42 Uhr: Ihr Paket wird voraussichtlich heute zugestellt
  • Fahrradhersteller, 07.02., 07:55 Uhr: Dein Paket befindet sich in der Zustellung [ach was]
  • FedEx, 07.02., 13:44 Uhr: Ihre Sendung konnte nicht zugestellt werden [nicht da gewesen]
  • Fahrradhersteller, 07.02., 13:45 Uhr: Dein Paket ist angekommen
  • FedEx, 07.02., 22:03 Uhr: FedEx Sendung Zugestellt [um 13:40 Uhr beim Nachbarn abgegeben]

Ja, spinnt’s ihr denn?


Der WordPress-AI-Assistant, der eigentlich meinen Beitrag beurteilen und Verbesserungen vorschlagen soll, ist von diesem Quatsch auch völlig in Beschlag genommen und gibt statt einer Beitragsbeurteilung lieber Tipps für FedEx und den Fahrradhersteller ab:

Den Seinen nimmt’s der Herr im Schlaf

In dem niederbayerischen Dorf, in dem ich aufwuchs, entschied sich einer, gut anderthalb Jahrzehnte älter als ich, gleich nach dem Abitur für den Eintritt in einen katholischen Orden und ließ sich mit allem Pipapo zum Priester ausbilden. Als ich anderthalb Jahrzehnte alt war, kehrte er kurz ins Dorf zurück und feierte seine Primiz, die erste von einem römisch-katholischen Priester als Hauptzelebrant gefeierte heilige Messe. Ein Mordsbrimborium war das, ein Dorffest sondergleichen, fürs leibliche Wohl nach der Messe fürs Seelenheil war u. a. mit Würschteln vom Grill und Bier vom Fass bzw. Spezi und/oder Limo für die Kleinen gesorgt. Statt gewöhnlicher Pfarrer mit eigener Gemeinde zu werden, schlug er die Wissenschaftslaufbahn ein und bekleidet heute einen theologischen Lehrstuhl.

Woran ich mich erinnere: An einem Abend im Sportheim des örtlichen Vereins, in dem ich anderthalb Jahrzehnte Fußball spielte, unterhielten sich zwei über den damals noch Pater gewesenen Herren. Der eine davon war der Schwager des Paters (Pfarrersschwestern dürfen ja heiraten etc.) und Mittelfeldregisseur, der vor seinen Jahren beim Heimatverein in der drittuntersten Liga mal Landesliga-Recke gewesen war (in der immerhin sechsthöchsten Spielklassenebene!), der andere ein normaler Fußballer, wie ich, der dem Gespräch zuhörend beiwohnte.

Der Normale, ein raubeiniger rechter Verteidiger und Teil des Abwehrbollwerks der Ersten Herrenmannschaft, interessierte sich freilich irgendwann bzw. alsbald für die sexualen Aspekte des priesterlichen, genauer: des Lebens des in Rede stehenden Paters, und erhoffte sich schwägerliche Information oder immerhin biergeschwängerte Lacher. Personen mit Hoden produzieren bekanntlich ab der Geschlechtsreife in einer Tour Sperma, das irgendwann irgendwohin, jedenfalls exkorporiert werden muss.

Jetzt ist zölibatär lebenden Menschen neben der Ehe auch die geschlechtliche Betätigung untersagt, worunter, der Dorfvereinsmeinung nach jedenfalls, ebenfalls die Selbstbefriedigung fällt. Wie begegnet aber der Zölibatäre dem Problem, das sein Leib auf die Verpflichtung seiner Seele pfeift und perpetuierlich Spermatogenese, i. e. fortwährende Samenproduktion, betreibt?, begehrte also der Normale schmunzelnd zu wissen. »Mei, im Schlaf wird’s es ihm schon raushauen!«, sah sich der Schwager gezwungen, jovial zu spekulieren, weil er über die unterhöslichen Zustände seines ordinierten Schwähers freilich kaum Bescheid wusste.