Deutsche Post, was geht

»LU-GAU-ER?!«, höre ich durch die Gegensprechanlage, »Ja?!«, antworte ich erstaunt. »Paketpost, kannst du runterkommen?«, fragt er, und freilich kann ich. Unten angekommen, wartet er, Mitte 30 und dem – außer der Postbotenuniform – Erscheinungsbild nach Discogänger und Shishabarbesucher, auf mich, holt mit dem Arm weit zum Handshake aus und sagt eine langezogene Mischung aus Hey und Hallo – woraufhin ich verdattert einschlage und auf seine Frage: »Und, alles gut?« routiniert: »Jo, und selbst?« antworte. Dann »Unterschrift« auf dem elektronischen Kästchen, er noch »Ciao!« und ab.

Wurde bei der Deutschen Post etwa ein neuer Code of Conduct eingeführt?

Milka Luflée

Der Name der Milka-Schokoladensorte Luflée ist übrigens ein Kunstkofferwort aus Luv (windzugewandte Seite eines Berges) und Lee (windabgewandte Seite). Es ist kein reiner Phantasiename, denn die Luft in Luflée-Schokolade ist echte Gebirgsluft. Die Tafeln werden abwechselnd mit Luv- und Leewinden auf- bzw. übergeblasen, bis sie die fluffig-poröse Konsitenz erlangt haben. Dafür werden hohe Transportkosten über und teilweise um die Berge herum auf sich genommen.

Entweder nur Luvwind oder nur Leewind würde aber nicht funktionieren. Denn Luvwind, auch »der Aufbergichte« genannt, richtet die Schokomassen zu faltichten Ungetümen auf, während der Leewind, genannt »der Abschleckichte«, sie wieder niederbügelt, so streng er kann. Jetzt mit nur Luv- oder nur Leewind hättest du entweder Riesenbatzen oder Flachrochen in den Produktregalen der Supermärkte liegen. Die richtige Mischung (?) aus Luv- und Leewind aber lässt unter den Händen der Chocolatiers die lustigen, porichtes Interieur beherbergenden Hubbel entstehen. Wie genau das vor sich geht, weiß nicht einmal Aiman Abdallah (Galileo Mystery). Als sie es in der Sendung eines Tages erklärten, stimmte hinten und vorne nichts! So viel kann ich sagen, hallo.

Luflée – ein Kunstwort! – heißt aber nicht »Luvlee«, weil das zu sehr nach Porno etc. klingt (love, ficken, lovely usw.). Den Accent aigu über dem e fügte Milka hinzu, damit nicht alle fälschlicherweise »Lufflieh« sagen. Klappt auch ganz gut. So, jetzt wisst ihr’s!

»1939: Als die Nazis das Mutterkreuz stifteten«

»1939: Als die Nazis das Mutterkreuz stifteten
Sie gilt als die Vorzeigemutter des ›Dritten Reichs‹. Magda Goebbels wird am 21.05.1939 von den Nationalsozialisten das Mutterkreuz verliehen. Im Volk hieß er [sic] auch ›Kaninchenorden‹.«

2019: Rechtsradikale/-extreme übernehmen weltweit die Parlamente. Die t-online-news am U-Bahn-Infoscreen gedenken am 21.05. in vorauseilendem Gehorsam – denn noch ist die Macht nicht übernommen – der »Vorzeigemutter« Magda Goebbels wie des NS-Mutterordens so vollkommen kritiklos und illustrieren so fröhlich mit einem Bild der Verleihung, als regierte die NSDAP bis heute.

Die Nazis sind mittlerweile, da ihre Erben an der Schwelle stehen, zum Info-Jux, zum Wartepausenfüller zwischen der Kelly Family und Stefan Effenbergs Fußballexperten-Kommentar herabgesunken. Einzig ein Scherzchen aus dem Volke (»Kaninchenorden«) traut man sich dieser Tage, anders als damals, öffentlich zu zitieren. Die Zeiten haben sich eben geändert.

Freilich, im zugehörigen Artikel vom 21.05.2019 auf der Website (man muss dafür auf der t-online-Startseite fast ganz nach unten scrollen!) informiert man dann im Stile eines Oberstufen-Geschichtsreferats: »Für Hitler und die Nationalsozialisten müssen Frauen vor allem eine Funktion erfüllen, diese besteht darin, möglichst viele Kinder zu gebären. Im Sinne des NS-Rassenwahns natürlich nur solche, die ›deutschblütig‹ sind, und keineswegs ›erbkrank‹. Für das Hirngespinst eines ›Großgermanischen Reichs‹, das durch Krieg und Gewalt entstehen soll, braucht der ›Führer‹ Soldaten, besser gesagt Kanonenfutter.« Etc. etc.

Man soll sich nicht für dumm verkaufen lassen: Dieses Kurzreferat zum »Historischen Bild« des Tages ist noch besser verborgen als das unlesbare, pardon: kaum lesbare Kleingedruckte unter Großbildschirmwerbungen. Was hängen bleibt, ist die Infoscreen-»Info«.

Die Ältere deutsche Literaturwissenschaft und das Genitiv-s

Richtiggehend narrisch macht mich die Idiosynkrasie der Älteren deutschen Literaturwissenschaft, das Genitiv-s von Eigennamen an den Personennamen zu hängen statt hinten an den Ortsnamen. Also etwa »der Minneschmarrn Heinrichs von Veldeke« statt – wie normale Menschen sagen würden: »der Minneschmarrn Heinrich von Veldekes«. Komme mir niemand mit einer vermeintlich sachlichen Begründung über eine angebliche Notwendigkeit dieser letztlich doch nur exklusivitätsheischenden Marotte: Denn das machen die nur und ausschließlich, um sich vor Erstsemestern und sonstigen Mittelhochdeutsch-Laien aufmandeln zu können, wenn diese es »falsch« sagen.

Zart versöhnelnd stimmt mich die Vorstellung, eine Mediävistin (m mitgemeint) schriebe etwas über den ihr ressortfremden Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal und ihr unterliefe dabei ein »fauxpax« (sic; gelesen in einer Mediävistik-Dissertation) wie »das Gedicht Hugos von Hofmannsthal«. Tbh würde ich, läse ich das Korrektur, dann versuchen es durch sämtliche Korrekturen bis zum Druck durchzudrücken, hähä.

Slightly off-topic: Narrisch macht mich außerdem, dass man »Hofmannsthal« mit scharfem f vorne mit kurzem statt langem Vokal ausspricht. Warum, liebe Familie Hof»f«mannsthal und alle, die es euch nachtun, wisst ihr nicht mal, wie man euren Nachnamen richtig ausspricht?