Di_ch

Endlich ist die niedersächsische Kommunalwahl vorbei. Jetzt verschwinden endlich all die SPD-Plakate mit dem so unvorteilhaft gesetzten »dich«. Normale, die daran vorbeimüssen, martern die doch nur immerzu mit der Frage, ob da nicht eigentlich »dilch«, »dirch«, »dioch«, »dlech«, »drach« oder sonstwas teilweise Kopfverdecktes steht.

Vom ewiggestrigen Klaue

»Anders als heutige Jungakademiker glauben, die diese Satiren als Verspottung eines gedrechselten Jargons goutieren, handelt es sich bei dieser Überzeichnung um eine Würdigung, um die Reverenz an Menschen, die von gestern und eben deshalb dem Heute überlegen sind.« (Magnus Klaue: »Einer von gestern. 80. Geburtstag von Eckhard Henscheid«, tagesspiegel.de vom 14.09.2021)

Von Profi- bzw. Alt- resp. Superakademiker Magnus Klaue geburnt – meint er mich, dann habe ich wohl alles richtig gemacht. Wenn er tatsächlich glaubt, diese Menschen »von gestern« seien »dem Heute überlegen«, geht es letztlich doch wieder nur um ihn selbst. Er weiß eben noch, wie man gestern spazieren ging, um nicht zu sagen ergebnisoffen flanierte, und latscht nicht einfach dumm herum wie die Heutigen. Genau solche Selbstglorifizierung qua Sich-gleich-Machen mit den Säulenheiligen griff Henscheid – der etwa Adornos Schriften immer sowohl affirmierte als auch angriff – mit seiner Kritische-Theorie-Rezeption stets an. Klaue wird das bei mir halt nicht lesen oder hören wollen.

Der ((un)aufhaltsame) Aufstieg des Arturo Ui

Heißt Brechts Faschismus- und Gemüsegangster-Stück jetzt »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui« oder »Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui«, zefix. Anscheinend und ausweislich zahlreicher Forschungstextbelege wird es auch in der Gelehrtenwelt zu genau gleichen Teilen falsch und richtig gewusst, letztlich kann niemand mehr sagen, wie es objektiv heißt.

Suhrkamp zieht sich ›elegant‹ aus der Affaire:

The silent »…, übernehmen Sie!«

Wenn bei Star Trek jemand einen Posten auf der Brücke verlässt – wegen Brotzeit, Schichtende, Anschiss im Ready Room von Cpt. Janeway, oder weil was Besseres und/oder Spannenderes zu tun ist –, kommt sofort jemand und übernimmt. Und zwar ohne, dass expressis verbis ein Befehl zu erfolgen hätte.

Geschähe Gleiches doch auch, wenn ich mal vom Schreibtisch aufstehe und ein Päuschen einlege. Damit, dass eine Ersatzperson die ganze Zeit wartend im Eckchen stehen müsste, würde ich mit der Zeit schon umzugehen lernen.

Schlagermove

Andy Grote* lässt den Song »Schlagermove« von Oidorno nicht aus dem Netz löschen, obwohl darin gut vernehmlich und mehrfach »Selbst Andy Grote geht zum Schlagermove / … / Was für ein Idiot!« zu hören ist. Aber alle, die sich das streamenderweise anhören, bekommen wahrscheinlich Hausbesuch von einer Einheit kriegsausgerüsteter Polizei-Cyborgs.

* Hamburgs Innensenator, SPD. Kürzlich bekam ein Hamburger Besuch von der Polizei, weil er im Juni unter einen Grote-Tweet kommentiert hatte: »Du bist so 1 Pimmel«

»Fabian oder Der Gang vor die Hunde« (Dominik Graf)

[zuerst erschienen in konkret 8/21]

Auf ihrem live gestreamten Spaziergang über eine Berliner Coronaleugner-Demo im vergangenen Sommer meint Fernsehmoderatorin Dunja Hayali mehrfach, Menschen »wirklich von ganz rechts bis ganz links« sehen zu müssen. Für »ganz links« hält sie demzufolge wohl rechte esoterische Hippies in Pluderhosen. Die autonome Antifa jedenfalls war nicht vor Ort. Wo sich Rechtsextreme tummeln, muss in diesem Land sofort auch vorm Linksextremismus gewarnt werden, denn der demokratiefundierenden Hufeisentheorie zufolge bedrohen beide »unsere Art zu leben«.

In die Kinos passt da gut die Verfilmung eines satirischen Kästner-Romans, mit der dieser »vor dem Abgrund warnen (wollte), dem sich Deutschland und damit Europa näherten«. Kästner mag die historische Erfahrung der Wirkungslosigkeit von Satire gefehlt haben, heutzutage braucht niemand mehr so naiv zu sein.

Außer dem »Tatort«- und »Polizeiruf 110«-Regisseur Dominik Graf, der den »Fabian« zwar nicht in die Gegenwart transponiert, ihn aber in dieser für noch die Blindesten gut sichtbar vertäut: Eingangs begleiten wir in einer Berliner U-Bahnstation der Jetztzeit zeitgenössisch schlecht gekleidete Personen über den Bahnsteig, durch den Tunnel und, ein Hakenkreuzplakat passierend, die Treppe hoch, und befinden uns oben im Jahre 1931, wo ein Weltkriegsversehrter dem am Geländer lehnenden Jakob Fabian sein Leid klagt. Mitten im Film laufen Figuren – ein bedeutungsschwangerer und mit acht Filmsekunden wenig subtil einmontierter Anachronismus – auch noch über Stolpersteine.

Niemand soll nachdenken müssen, ob Kästners Roman über die heutige Zeit noch etwas zu sagen hätte. Wenn Fabian, der sich überlegen dünkende bloße Beobachter der Verhältnisse, die Nazis hasst, für die kommunistische Agitation seines Freundes Stephan Labude aber nur Spötteleien und distanzierende Ironie übrighat, hängt die Leinwand voller Hufeisen, und die allermeisten können beruhigt sein.

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Deutschlands Künstlerhoffnung unserer Mütter, unserer Väter, Hauptdarsteller Tom Schilling hat ein anderes Problem des Films zwar verstanden, wenn er im Interview radebrecht: »Es ist gerade bei Roman-Verfilmungen manchmal so’n bisschen tricky, weil es wirkt dann doch alles sehr geschrieben. Und manchmal ist es besonders, da knallt es so raus, wenn man so Drehbücher hat, wo dann manche Sätze original sind aus dem Kästner-Text und manche halt vom Drehbuchautor. Das hörst du immer, das ist ’n ganz anderer Sound und so. Und dass das irgendwie zusammenfindet, dass man da den richtigen Ton findet als Schauspieler, das ist total schwierig.«

Der Film offenbart aber, dass es Schilling (wie auch seinen Kolleg*innen) bei aller Einsicht dann doch zu schwierig war. Einerseits lassen die Drehbuchschreiber ihre Figuren häufig Original-Sätze aus dem Roman aufsagen, etwa solche Fabians über Berlin: »Hinsichtlich ihrer Bewohner ist diese riesige Stadt aus Stein längst ein Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.« Andererseits motiviert sich Labude, sich endlich zur gefürchteten Abgabe seiner Habilitationsschrift durchzuringen, als wäre er frisch gecoachter Marketinghanswurst im Coworking-Space: »Mit dir schaff’ ich das. Wir geben das gemeinsam ab. Jetzt!« Fabian: »Jaa!« Labude: »Jaaa!«

Aber wie soll ein zehnfacher Grimme-Preisträger wie Graf, der das Drehbuch mitverantwortet, sich Kästners Sprache auch anders annähern. »Fabian« krankt daran, dass Graf unbedingt eine emphatisch-literarische Literaturverfilmung sehr nah am Buch und doch »frei nach dem Roman« machen wollte – was seiner Ansicht nach zu bewerkstelligen ist, indem man der Vorlage allerhand Passagen wörtlich entnimmt und ansonsten drumherumzukästnern versucht. Wer sich diese Romanverfilmung ansieht, soll das Gefühl haben, das Buch gelesen zu haben. Doch am Ende klingt alles, wie deutscher Fernsehfilm nun mal klingt.

Die Off-Erzählstimmen, aufgeteilt in eine männliche und eine weibliche, sagen zumeist ebenfalls Originalsätze auf und erzählen uns entweder das, was zu zeigen man zu faul oder unfähig war, oder das, was wir ohnehin schon sehen. »Schaperstraße«, liest der Erzähler das Straßenschild mit der Aufschrift »Schaperstraße« vor und nagelt uns mit der »4« auch noch die gezeigte Hausnummer ins Hirn. Warum? Damit noch die Unkonzentriertesten (C. Lindner) sofort kapieren, dass Fabians Liebespartnerin Cornelia Battenberg im selben Haus ein Zimmer mietet wie er.

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Überhaupt: die Frauen im Film. Ein Feuilletonist kann selbsttrunken formulieren, »Fabian oder Der Gang vor die Hunde« sei »eine große, verzweifelte, zum Verzweifeln schöne Liebesgeschichte«, weil Graf die im Roman gar nicht derart präsente Liebesgeschichte zum zentralen Gegenstand aufbläht. Auch reibt er uns dick vor die Augen, wie sich Battenberg, die Rechtsreferendarin bei der Filmgesellschaft, dem Filmmogul Edwin Makart an den Hals und ins Bett wirft. Trägt sie im Film den Wunsch, Schauspielerin zu werden, schon mit ins Referendariat, ist es im Buch der lüsterne Makart, der ihr eine große Rolle anbietet.

Kästner lässt Battenberg das Geschlechterverhältnis diagnostizieren: »Wir sollen weinen, wenn ihr uns fortschickt. Und wir sollen selig sein, wenn ihr uns winkt. Ihr wollt den Warencharakter der Liebe, aber die Ware soll verliebt sein. Ihr zu allem berechtigt und zu nichts verpflichtet, wir zu allem verpflichtet und zu nichts berechtigt, so sieht euer Paradies aus.« Graf legt diese Worte Labude – als fast habilitierter Mann zum Urteilen freilich qualifizierter – in den Mund: »Was wir wollen, ist der Warencharakter der Liebe. Aber die Ware soll verliebt sein in uns.« Und die Selbstkritik ehrt ihn noch.

Keine der Frauenfiguren kommt im Film anders weg denn als verkommenes, verlottertes Weib – mit Ausnahme der guten Mutter Fabians. Für sie erfindet das Drehbuch wesentlich mehr Anteil und Funktion, die Marienhaft-Moralische vom Dresdner Umland soll die luziferischen Berlinerinnen kontrastieren. Wie reaktionär.

Schilling empfiehlt den Film unter anderem »allen, die ein Herz haben, oder so« und »allen, die gerne Filme gucken«. Jawoll, ihnen viel Vergnügen damit.