Unorthodoxie

Ich habe etwas Unorthodoxes getan. Ein Bild wollte ich aufhängen. Es ist ein Unikat auf kartonartig dickem Papier (hat das einen Namen?), stammt von der Künstlerin C. L. L. und war gerollt aufbewahrt worden.

Und ich sag’s jetzt einfach, was ich Unorthodoxes getan habe, um es glatt zu kriegen, weil dann ist es raus, und gesehen hat es eh niemand, die*der mich dafür zu verurteilen Autorität besäße, und auf diesem Blog ist es so gut verborgen wie Gebeichtetes im Beichtstuhl: Ich habe das Bild entrollt und – es tut mir nicht mal leid – es über Nacht – verurteilt mich doch! – UNTER – ich habe halt keinen die Werke der Kunst vergötzenden Kunstbegriff – EINEN – meine Güte, wer wollte sich im Jahre 2022 über so etwas überhaupt aufregen – TEPPICH GELEGT!

Richtig: In dem Zimmer, in dem es hängen soll, liegt ein Hochflorteppich von, ich glaube, 80×150 cm. Der ist mit so Befestigungsstreifen aus Gummi am Boden fixiert. An einer Längsseite löste ich diese Streifen vorsichtig, lupfte den Teppich etwas an und ließ das entrollte Kunstwerk unter dem Teppich verschwinden. Dann drückte ich die Befestigungsstreifen wieder an. Fertig. Zu meiner ›Verteidigung‹: Ich bin nicht noch extra auf dem Teppich herumgestiegen oder so, sondern habe ganz auf die plattglättende Wirkung des Teppichs vertraut. Am Morgen holte ich den Teppich wieder hervor, und voilà: war das Bild glatt. UND UNBESCHADET!

Gestern Abend beim Bügeln

Gestern Abend beim Bügeln ließ ich den Fernseher laufen. Weil der Sommer vorbei ist, bügelte ich endlich den kleinen Berg Leinenhosen und -hemden, der seit ’ner Woche oder so darauf gewartet hatte. Was schaute ich mir nebenbei an? Berichterstattung zum Tode von Queen Elizabeth II. natürlich! Gleichwohl ich für die weltweite Abschaffung sämtlicher Monarchie und Adelsstände – noch wenn sie ›bloß‹ repräsentativer Natur sind – bin,¹ hat das Ableben dieser im Positiven wie Negativen Jahrhundertperson dennoch Aufmerksamkeit verdient. Meine beiden Highlights in der ARD-Sondersendung Brennpunkt:

(1) Das entzückend behämmerte Jackett meiner Lieblingskorrespondentin der Tagesschau, der wunderbar schrillen Annette Dittert:

Ich meine, wie sehr kann individuelle, extravagante Privatkleidung Nationalverbundenheit, Trauer und die eigene Exzentrik ausdrücken?

(2) Der Name der »ARD-Königshausexpertin« (allein, dass es sowas gibt): Leontine von Schmettow.

Weil er so schön ist, noch mal: Leontine von Schmettow.

Ich meine:  L e o n t i n e  – welch wunderbar aristokratisch-exzeptioneller Vorname! –  v o n  – dem Expertinnentum ist Zugehörigkeit der in Tat und Wahrheit Gräfin in dem Falle doch sehr von Vorteil! –  S c h m e t t o w  – wuchtig im Aufschlag wie Wittelsbach und Nassau, und mit stummem, allenfalls zart hauchgeformtem W doch sanft im Ausklang wie Windsor!

¹ Die Menschheit auf Dauer erhalten könnte meines Erachtens nur weltweiter Sozialismus. Weil der so schnell kaum zu haben sein dürfte, sollte es erstmal immerhin ubiquitäre Demokratie sein, aber keine »marktkonform«-kapitalistische. Am kapitalistischen Absolutismus geht die Menschheit, wir erleben es, zugrunde.

Geschirrautomatik

Unser Geschirrspüler hat, wie es sich für einen ordentlichen Geschirrspüler gehört, diverse Programme. Ein ›normales‹ für den gewöhnlichen Alltag, eins mit 70 °C für volle Beladung, ein – die Klimakatastrophe steht schließlich bevor und sollte abgewendet werden – ECO-Programm mit 50 °C, eins mit 45 °C für Bloß-Gläser-Beladung, ein Leise-Programm mit 50 °C, ein Abduschprogramm (?) ohne Temperatur sowie ein 40-Minuten-60-°C-Schnellprogramm.

Benutzen tun wir freilich nur das ECO, das ›Normale‹ und das für volle Beladung, je nachdem. Umtrünke mit vielen Gäst*innen, bei denen nix als Gläser anfällt, finden bei uns nicht statt, die Lautstärke des Geräts stört uns nicht, als dass wir je einen Leise-Modus bräuchten, nur abgeduscht (?) werden muss bei uns nichts und vom 40-Minuten-Programm lassen wir die Finger, weil die Sachen bestimmt nicht sauber werden.

Warum ich hier lang und breit elaboriere, was unsere Spülmaschine alles kann und was wir davon (Achtung, Modewort) effektiv nutzen? Wegen des ›Normal‹-Programms! Denn das heißt eigentlich »Auto 45–70 °C« und ich frage mich seit je, wie um alles in der Welt das Gerät jeweils die optimale/benötigte Temperatur feststellt.

Spätestens seit es YouTube-Videos mit GoPro-Aufnahmen aus dem Inneren von Geschirrspülern bei laufendem Betrieb gibt, ist der mystische Schleier (= die Vorderklappe der Maschine) gelüftet und sollte hinlänglich bekannt sein, wie die Dinger funktionieren. Durch die Propellerarme kommt Wasser, das erst die Speisereste abwäscht, dann öffnet sich zum Zeitpunkt X die Klappe des Geschirrreinigerfachs, heraus fällt der Tab oder läuft der Flüssigreiniger, alles wird fröhlich eingeschäumt und hinterher wieder abgespült, Trockenvorgang, und fertig. (Warum selbst Stellen sauber werden, bei denen eins vorher denkt: »Hä, das wird so doch nie sauber!?«: Wer schon mal bspw. eine völlig angedörrte, ja patinierte Kaffeekanne mithilfe von kochendem Wasser und einem Geschirrreinigertab sauber gemacht hat, weiß es.)

Woher aber weiß die Spülmaschine beim Automatik-Spülgang, welche Temperatur sie braucht? Hat sie Gewichtssensoren für die Geschirrwagenbeladung? Glaub’ ich nicht. Hat sie gar optische Sensoren zur Verschmutzungserfassung? Hahaha, Zukunftsmusik!

Falls es jemand weiß: Man verschone mich in diesem Falle bitte mit Aufklärung. Denn die Unwissenheit um den Automatik-Spülgang ist eine derjenigen Unwissenheiten, die ich mir gerne bewahre. Ja, sie ist eine jener Unwissenheiten, die eine*n süßlich umfloren, weil es einfach so vollkommen wurscht ist, ob eins den Grund weiß oder nicht. Erlangt eine*n die schnöde, profane Kenntnis dann aber doch irgendwann, verschwindet der süße Flor und zurück bleibt nichts als das karge Faktum. Pah! Und eine Geschirrspülmaschine ist eines derjenigen Geräte, bei denen ich mich weigere, die Bedienungsanleitung auch nur eines Blickes zu würdigen, weil alles so sonnenklar und selbstzuerschließen ist wie die Bedienung eines Wasserhahns oder das Fahren mit fremden Autos.

PS: *putting RAU in GESCHIRRAUTOMATIK*

Abermals Smartphone

Was ich am Kauf des neuen Smartphones (vgl. Nr. 5 ist da! und Nr. 5 gewöhnt sich ein!) übrigens am crassesten fand: Auf einer Webseite, die Handys chinesischer Hersteller testet und einen Namen wie aus einer »Bild«-Headline trägt, habe ich einen Testbericht von Nr. 5 gelesen. Und dort war, gar nicht mal so auffällig placiert, ein Affiliate-Link zu einem Versandhändler – mit dem ich sage und schreibe 70 € sparen konnte! Ohne irgendwas weiter zu tun, als auf den Affiliate-Link zu klicken. Bzw. eine weitere Sache musste ich tun: Auf der Produktseite beim Versandhändler war dann ein Coupon-Button, den ich zu drücken hatte. Danach wurde der Rabatt an der Kasse abgezogen. Und der Rabatt betrug ganze 20 %, nur wegen der Handytest-Seite. Ich meine: wtf.

Fahrvergnügen

Kürzlich las ich beim Kollegen Gaitzsch in einem premortem veröffentlichten Nachruf auf das 9-€-Ticket, in dem von vorne bis hinten alles stimmt (außer vielleicht, dass die Deutsche Bahn meines Wissens jeden Sommer an ihre Grenzen kommt), den schönen Ausdruck »Fahrvergnügen«. Und der bescherte mir eine schöne, lange verborgen gewesene Erinnerung:

Um die Jahrtausendwende betrieb ich mit Freunden das sogenannte Aggressive (Inline) Skating, jene Ausprägung des Rollschuhsports, bei dem eins ähnlich wie beim Skateboarden grindet, springt und über Rampen/in Halfpipes herumdonnert. Wir taten dies bei uns aufm Dorf in den Straßen der Wohnsiedlung auf selbst zusammengedengelten Rails. Einen Skatepark ließ die Gemeinde erst errichten, als wir schon lange kein Interesse an der Grinderei mehr hatten.

Ein Glück, dass Vater auf dem Dachboden für gottweißwelche Reparaturanlässe eine gewisse Menge Alteisen und irgendwelches Holzgebälk vorhielt sowie in der Werkstatt im Keller über einen Elektrodenschweißapparat und anderes halbschweres Werkgerät verfügte. Zwar standen aus den damit gebauten Grind-Möbeln (?) die ein oder andere Schraube und vielleicht ein Nagel oder zwei heraus, weswegen wir nicht gänzlich bedenkenlos über die Rohre und Kanteisen sliden konnten, aber was anderes hatten wir halt nicht. Unsere Philosophie war

Auch eine Rampe hatten wir. Das heißt zwei Bierkästen, denen je ein Holzbrett angelegt wurde, so dass uns das eine Brett als Startrampe in die Luft erhob und das andere als Landebahn wieder empfing. Das machten wir einen Nachmittag lang, bis einer von uns mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde, weil er beim Landen auf dem schrägen Brett nach hinten weggekippt war und sich beim Aufprall eine Elle oder Speiche gebrochen hatte. Halt, stop: Langweiligerweise wurde er mit dem ebenfalls schnell wie die Feuerwehr herbeigeeilt gekommenen Krankenwagen abtransportiert und der Hubschrauber flog so leer davon, wie er angebrüllt gekommen war.

Ich selbst rutschte einmal bei einem Grind, den ich noch nie zuvor ›gestanden‹ hatte, so unglücklich weg und knallte mit dem Steißbein derart schmerzhaft aufs Eisenrohr, dass ein Freund sich vor Lachen nicht mehr einbekam, weil ich nur noch gotterbarmenswürdig klagen konnte. Der versuchte, fast super vollführte Grind hieß Shifty. Wie fast alle Grinds hatte auch er einen englischen Namen. Aber einer der Grinds – und jetzt bekommt dieser Beitrag seinen Sinn – hieß, auch im englischen Sprachgebrauch: Fahrvergnügen! Den konnte ich aber, wie die meisten anderen Grinds, leider nicht. So sieht er aus: https://youtu.be/FDHXz84OmjE. Der erwähnte Shifty ist, wenn ich mich recht erinnere, der gleiche Grind, nur dass die Füße in die andere Richtung abgewinkelt werden.

Denke ich an dieses Sportvergnügen zurück, wundere ich mich jedes Mal, wie wenig wir uns dabei verletzt haben. Es muss das Glück der Dummen/Pubertierenden gewesen sein. Schon wie läppisch wir die Skates zugeschnürt/festgezurrt haben, nämlich gar nicht! Denn wir wollten uns, so leicht es eben ging, ›reinlegen‹ können und möglichst lässig aussehen. Wenn ich heutzutage nur daran denke, spannen meine Bänder und Sehnen bis kurz vorm Reißen an.

Was ich mich bei dem Thema stets frage: Kennt überhaupt jemand das Aggressive Skaten? Ich jedenfalls habe bei jeder der äußerst seltenen Erwähnungen das Bedürfnis, diesen Ausdruck/Sport erklären zu müssen, weil ich glaube, niemand kennt das. Schon früher war ich der Meinung: »Skateboarden, klar, kennt jede*r, haben alle schon mal gesehen, können Krethi und Plethi bezeichnen, und selbst Walter Krämer vom Verein Deutsche Sprache dürfte ein Bild von diesem Rollbrettsport vor Augen haben – aber Aggressive Skaten?! Kennt doch kein Mensch!«

Materialien zur Bucheinband-Theorie Suhrkamps Gestaltung zweideutiger Buchtitel

So hübsch die Cover der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft auch sind und so hohen Wiedererkennungswert sie mit der immergleichen Schriftart »Times Modern« (Willy Fleckhaus/Rolf Staudt) in den verschiedensten Farben vor schwarzem Hintergrund haben, so sehr kann ihre Idiosynkrasie, Autor und Titel oder Ober- und Untertitel typografisch nicht voneinander abzusetzen, Probleme mit sich bringen. Im vorliegenden Beispiel die Frage: Wie heißt dieses Buch, was ist Ober- und was Untertitel?

Ist es a) Materialien zur ästhetischen Theorie Th. W. Adornos. Konstruktion der Moderne oder ist es b) Materialien zur ästhetischen Theorie. Th. W. Adornos Konstruktion der Moderne? »Ach geh, da schau ich doch schnell beim Verlag nach«, denke ich, und stoße dort auf Lösung b:

Bis ich den Buchrücken sehe! Ihm zufolge ist es eindeutig Lösung a:

Vollends von Antwort a überzeugt mich – philologische Kolleg*innen werden mich sowohl für die anfängliche Internetschauerei als auch den Blick auf den nicht zitierfähigen Einband¹ schelten –, vollends überzeugt mich also der Blick ins Impressum. Dort steht:

»CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Materialien zur ästhetischen Theorie
Theodor W. Adornos, Konstruktion der Moderne
hrsg. von Burkhardt Lindner u. W. Martin Lüdke.
1. Aufl. – Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1980.«

Na, da hat sich am Ende alles doch noch geklärt. Erstaunen tut’s mich nicht, ist es schließlich nur ein weiteres Glied in der laaangen Kette von Suhrkamps Sonderbarkeiten wie diesen:

Sollte jemand vom Suhrkamp Verlag diesen Beitrag lesen: Ich würde freilich trotz alledem bei euch publizieren. E-Mail-Postfach ist offen!

Ach, eine Sache zu einem der Herausgeber noch, weil eine Freundin sich neulich fragte, ob Theodor W. Adorno in Literaturverzeichnissen statt unter A wie Adorno nicht vielmehr unter W wie W. Adorno eingeordnet werden müsse, da sein Mittelinitial W. nicht für einen abgekürzten Vornamen steht, sondern für Wiesengrund, seinen ›abgelegten‹ Geburtsnamen väterlicherseits (Adorno hatte seine Mutter geheißen)², sei hier gefragt: Ob der eine Herausgeber des obigen Bandes, W. Martin Lüdke, in voller Länge Wiesengrund Martin Lüdke heißt?

Herzliche Grüße
W. A. Maria Lugauer

¹ Schon im ersten Semester schärfte mir ein Linguist ein, zitierfähig sei erst die Titelseite nach dem Schmutztitel eines Buches, die sich i. d. R. auf S. 3 des Buchblocks befindet. Denn alles andere könne ja abgerissen/verschmutzt werden.
² Auweia, meine auf Twitter diesbezüglich geäußerte launige Bemerkung brachte mir den heiligen, barsch und unwirsch geäußerten Zorn eines alten Leiters des FAZ-Geisteswissenschaftsressorts ein!