Nachgerade läppisch nimmt sich der Wikipediaabschnitt zur Rezeption von Albert Camus’ Roman Der Fremde aus, bis zu diesem Hammerabsatz: »Der Schriftsteller Albert Wendt aus Samoa entdeckte im Alter von 18 Jahren den Roman The Outsider (so der Titel der britischen Übersetzung von L’Étranger) für sich und war begeistert.« Der Komiker Andreas Maria Lugauer entdeckte im Alter von 37 Jahren dieses aus nur einem Satz bestehende Absatzjuwel für sich und war begeistert. Doch wer ist Albert Wendt? Nein, nicht etwa Spross eines Samoa-Zweigs der Familie des notorischen Polizeigewerkschafters Rainer Wendt. Sein Wikipediaeintrag weiß mehr: »Albert Wendt, CNZM, ONZ (* 27. Oktober 1939 in Apia, Westsamoa) ist ein samoanischer Dichter, Schriftsteller und«, hold on to your seats!, »Universitätsgelehrter von großer Bedeutung für polynesische Literatur des 20. Jahrhunderts und bis in unsere Tage.« (meine Hervorh.). Ist doch schön, wenn Verehrer – in diesem Falle mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: weiß, männlich, pensioniert, rechts – die deutschsprachige Wikipedia mit Einträgen über ihre Idole vollschreiben.
Literatur
Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken (6)
Wir haben 88 Deutsche gebeten, die grüne Linie auf dem neuen Roman von Ilija Trojanow über den rechten Buchrand hinaus zu verlängern.

SS. S. Fischer, was hast du dir dabei gedacht.
Loblied auf den deutschen Comedian
A – Blu
A – Blu
Boa – Den
Dep – Fre
Fri – Hap
Har – Hug
Huh – Kräf
Kräm – Marp
Marq – Or
Os – Roq
Ros – Se
Si – Vi
Vo – Z
Register
Die Anfangsbuchstabenbereiche des Killy Literaturlexikon, eingelesen als Gedicht:
Offenlegung: Eines meiner schönsten Lesungserlebnisse war, als ich in Fürth dieses Gedicht ins Mikrofon gagelte: »Gender-Gaga« (nach Ernst Jandl).
Themaverfehlung

Warum nennen sie die Zeitschrift nicht Hugo-Ballmanach?!?!
Durchblicker-Dialog
Stets dabei, doch benutz’ ich es nie:
Das seidige Putztuch im Brillenetui.
Andreas, put your pride aside
And sorg per Tuch für Sauberkeit!
Philip, dass es dich nicht fälschlich deucht:
Ich putze schon, gar täglich feucht!
Andreas, hörtest du das laute Hallen?
Da ist ein Stein von meinem Herz gefallen.
Ich hört’ es nicht, ich sah
Es durch die Brille (klar)!
Das geht mit einer Brille? Woah!
War das die Apple Vision Pro?
Nein, nix so Neumodern-Geniales,
Das Ding ist so ein gläsern-alt rurales.
Offenlegung: Die kursiv gesetzten Verse stammen von Philip Saß (https://dasgedichtderherrschendenklasse.blogspot.com/).
Lysergsäurediethylamid
Letzte Stunde Kunstunterricht am Tag vor den Ferien. Einige Schüler*innen haben an dem Tag nur diese Unterrichtseinheit auf dem Stundenplan. Die Lehrkraft malt sich aus, dass von den 20 eingeschriebenen keine 5 Leute aufkreuzen werden – Oberstufe eben. Also setzt sie sich, es sind noch zwei Stunden bis zum Beginn der Stunde, ans Onlineportal der Schule und schreibt an alle Kursteilnehmer*innen: »Liebe SuS, falls Sie heute noch etwas vorhaben: Vergessen Sie nicht, dass wir heute eine praktische Einheit zur Malerei unter LSD-Einfluss machen. Und kommen Sie bitte keinesfalls mit dem Auto oder Rad. Bis nachher!« »Und wo sind jetzt die Pieces, die wir einwerfen können?!«, klagjohlt eine Minute dreißig nach Stundenbeginn ein auf dem Schoß eines der anderen 32 Anwesenden sitzender Schüler. »Pieces … einwerfen …?«, pariert die Lehrkraft sichtlich irritiert. »Hä Sie ham doch gmajlt mir nemma heid LSD und mol’n dann a Buidl! Hom Sie uns ebba o’gschissn, zefix?!«, belfern die zuagroast’n aus Zwiesel zugezogenen Zwillinge Severin und Genoveva durcheinander. »Nein, warum?«, wehrt die Lehrkraft ab, »und achten Sie bitte auf Ihre Wortwahl, Herr und Frau Aiwanger.« »Aber hier steht’s doch:«, hält ihm die halbe Klasse das Smartphone mit geöffneter E-Mail* entgegen: »Vergessen Sie nicht, dass wir heute eine praktische Einheit zur Malerei unter LSD-Einfluss machen«, zitieren ihn triumphesforsch 18 Kehlen unisono. »Ach, hab ich LSD geschrieben?«, lacht die Lehrkraft, die sich gespielt auf die Stirn klatscht, mit so einer ultranervigen Gespieltheit, die kecke Lehrkräfte zeigen, wenn sie die SuS mit irgendwas ›drangekriegt‹ haben. Aus dem Materialraum wiederkehrt die Lehrkraft, mit zwei riesigen Lichtpanels unter den Armen: »Ich meinte natürlich LED-Einfluss, weil solche LED-Lampen doch so anstrengendes Licht machen«, grinst sie, was die SuS nur mit dem Clownsemoji wiedergeben würden, den Rest lassen sie die KI erledigen. Eines Tages war Josef K. verleumdet worden.
* Bei einem Schüler ist’s versehentlich eine Pornoseite, sogar eine mit justiziablen Inhalten.
Novalis’ Bedarfe
»Erinnerung schmilzt in kühler Schattenflut,
So sang das Lied dem traurigen Bedarfe.
Doch unenträtselt blieb die ew’ge Nacht,
Das ernste Zeichen einer fernen Macht.«
(aus Novalis’ 5. Hymne an die Nacht)
Moment mal: War die von Novalis, einem der programmatischen Dichter:innen der deutschsprachigen Romantik, selbsternannte progressive Universalpoesie so universal und so progressiv, dass sie – Hartz IV bereits 200 Jahre vorab enthielt (vgl. »Bedarfe«, »Das ernste Zeichen einer fernen Macht« etc.), zu einer Zeit obendrein, als so etwas wie Sozialdemokratie bzw. ›Sozialdemokratie‹ noch 50 bzw. 100 Jahre in der Zukunft lagen? Also das wär’ ja was. Und wenn sich in seinen Schriften jetzt noch Hinweise auf das »Bürgergeld« fänden erst!
»Service«
Wo ist was
So manche*r las als Kind Wissenswertes über das Weltall, die Dinosaurier, erstaunliche Technologie und anderes in der Kinderbuchreihe WAS IST WAS des Tessloff Verlags. Mir selbst hat sich diese Marke so sehr eingebrannt, dass ich mir beim Anblick des folgenden Tessloff-Kleinkinderbuchs – völlig zurecht, meines Erachtens – die alberne Frage stelle: Warum heißt das nicht WO IST WO?

Zugegeben, der Titel gäbe nicht viel Inhalt her (»Links ist links.«, »Oben ist oben.«, …), außer man behandelte ihn philosophisch. Aber ich habe eine Slightly-offtopic-Anekdote: Im Bachelorstudium der Germanistik besuchte ich ein Hauptseminar namens »Das Motiv des Sterns bei Paul Celan«. Neben Poetologischem, Kabbalistischem und Holocaust- wie Antisemitismusthematisierendem war zentraler Gegenstand des Seminars Celans Beschäftigung mit physikalischen und technologischen Erscheinungen, unter anderem aus den Bereichen Astronomie und Astrologie. Das Referat der Sitzung zu den beiden letztgenannten Themen hielt eine Person, die das Seminar wahrscheinlich aus stundenplanökonomischen Gründen besuchte. Die Quellenliste am Ende ihrer Präsentation zeugte von ausgeprägter Lustlos- und Wurschtigkeit und versprühte das redbullgesättigte Air des »Die ersten drei Google-Treffer für ›Astrologie‹«. Enthielt sie doch u. a. – ich schwöre, ich lüge nicht – eine URL von wasistwas.de. Und zwar bierernst als adäquate Informationsquelle. Jede*r sollte von mir aus mit bestmöglichen Ergebnissen bei geringstmöglichem Aufwand von der Uni abgehen, aber darüber habe ich mich doch geärgert. Ich meine, wasistwas.de, im notabene Lehramtsstudium?! Mit so einer Quelle wirst du in der 8. Klasse Realschule vom Hof gejagt.

