»1939: Als die Nazis das Mutterkreuz stifteten«

»1939: Als die Nazis das Mutterkreuz stifteten
Sie gilt als die Vorzeigemutter des ›Dritten Reichs‹. Magda Goebbels wird am 21.05.1939 von den Nationalsozialisten das Mutterkreuz verliehen. Im Volk hieß er [sic] auch ›Kaninchenorden‹.«

2019: Rechtsradikale/-extreme übernehmen weltweit die Parlamente. Die t-online-news am U-Bahn-Infoscreen gedenken am 21.05. in vorauseilendem Gehorsam – denn noch ist die Macht nicht übernommen – der »Vorzeigemutter« Magda Goebbels wie des NS-Mutterordens so vollkommen kritiklos und illustrieren so fröhlich mit einem Bild der Verleihung, als regierte die NSDAP bis heute.

Die Nazis sind mittlerweile, da ihre Erben an der Schwelle stehen, zum Info-Jux, zum Wartepausenfüller zwischen der Kelly Family und Stefan Effenbergs Fußballexperten-Kommentar herabgesunken. Einzig ein Scherzchen aus dem Volke (»Kaninchenorden«) traut man sich dieser Tage, anders als damals, öffentlich zu zitieren. Die Zeiten haben sich eben geändert.

Freilich, im zugehörigen Artikel vom 21.05.2019 auf der Website (man muss dafür auf der t-online-Startseite fast ganz nach unten scrollen!) informiert man dann im Stile eines Oberstufen-Geschichtsreferats: »Für Hitler und die Nationalsozialisten müssen Frauen vor allem eine Funktion erfüllen, diese besteht darin, möglichst viele Kinder zu gebären. Im Sinne des NS-Rassenwahns natürlich nur solche, die ›deutschblütig‹ sind, und keineswegs ›erbkrank‹. Für das Hirngespinst eines ›Großgermanischen Reichs‹, das durch Krieg und Gewalt entstehen soll, braucht der ›Führer‹ Soldaten, besser gesagt Kanonenfutter.« Etc. etc.

Man soll sich nicht für dumm verkaufen lassen: Dieses Kurzreferat zum »Historischen Bild« des Tages ist noch besser verborgen als das unlesbare, pardon: kaum lesbare Kleingedruckte unter Großbildschirmwerbungen. Was hängen bleibt, ist die Infoscreen-»Info«.

Ohne Angst verschieden sein

Berlin, Bahnhof Ostkreuz

»… den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.« (Adorno, Minima Moralia)

Die EU als dieser »bessere Zustand«, in dem man ohne Angst verschieden sein könne? LOL – Geh’ her, wenn du als Geflüchtete*r nicht schon im Mittelmeer ertrunken bist, stecken wir dich halt unter unmenschlichen Bedingungen in ein Lager und schieben dich um 4 Uhr morgens in ein Kriegsgebiet ab, wo dir, und das wissen wir, aus welchen Gründen auch immer die baldige Ermordung droht. Aber Angst brauchst du keine zu haben!

Dies ist nicht Thorsten Brehm

»Ich bin Thorsten Brehm weil mir die Zeit für Behördengänge fehlt und ich lieber per Mausklick Dinge erledige.«

Hä?, dachte ich im Vorbeigehen, wo ist denn da die Kausalität, die das »weil« anzeigt? Ist er nicht sehr viel wahrscheinlicher Thorsten Brehm, weil jemand ihn so nannte oder er sich den Nachnamen evtl. erheiratete?

Eine Internetrecherche und 10 Minuten später weiß ich: Der Typ auf dem Plakat ist gar nicht wirklich Thorsten Brehm, sondern Abziehbild junger urbaner, mit allem einverstandener und wertvoller Kreativität. Thorsten Brehm ist er nur im Sinne von »je suis Thorsten Brehm«, und zwar in einem recht verzerrenden Sinne davon.

Der echte Thorsten Brehm sieht laut spd-nuernberg.de ganz anders aus, bartlos, schon recht haarlos und eher eierköpfig mit Balkenbrille. Er ist Nürnberger Stadtrat, SPD-Ortsvorsitzender und Oberbürgermeisterkandidat 2020. Was mich erstaunt: Obwohl er zehn, zwölf Jahre älter wirkt als ich, wurde er nur zwei Jahre vor mir geboren. Wie SMV-, Juso- und SPD-Mitgliedschaft im Verein mit dem Studium der Sozialwissenschaften und dem ab-und-annigen Schwingen des Badmintonschlägers einen also zurichten, es tut mir leid. Ihm ist das offenbar bewusst, und so lässt er sich nicht nur lieber auf dem Plakatmotiv vertreten, sondern zeigt sich auf seiner Kampagnenwebsite erst nach ein paar Dezimetern Gescrolle unter allerhand anderen Kampagnen-»Gesichtern«.

Das »weil« drängt die Frage auf: Sitzen in den Parteiwerbeagenturen seit neuestem Leute herum, die Sachen sagen wie: »Hey Leute, lasst uns doch in den nächsten Kampagnen mal ein wenig mit der Logik spielen! Damit können wir die target people auch mal krass herausfordern und zum Recherchieren bringen!«? Der »weil«-Schmarrn auf diesem Plakat steht ja beileibe nicht alleine da. Die Grünen etwa verstiegen sich zur EU-Wahl reflexionslogisch zu »Europa. Die beste Idee, die Europa je hatte« und die FDP widersprach sich selbst mit: »Weil wir Europa lieben, wollen wir es verändern.«

Warum solcher Quatsch dieses Jahr so massiert daherkommt und warum die SPD neun Monate (!) vor der Wahl ihren OB-Kandidaten in von vorne bis hinten unverständlicher Weise »bewirbt«, ich weiß es nicht. Was ich weiß: (1) »Je suis [irgendwas/-wer]« bedeutet uneigentliche Identifikation als Ausdruck von Anteilnahme/Mitgefühl, keinen schnöd reklamösen Allgemeinsupport; (2) es müsste »weil … ich Dinge lieber per Mausklick erledige« heißen; (3) niemand sollte die SPD weil