Kalter Arm

Gelegentlich wache ich nachts auf und hab kalten Arm. Sogleich verstaue ich ihn wieder unter der Bettdecke und mummle mich auch sonst wieder ordentlich ein. Da ich selbst es unangenehm finde, kalten Arm zu haben und sich wohl weder Frau noch Kind einen Spaß erlauben und ihn a u f die Decke legen: Wen soll ich anklagen. Worin unterscheiden sich Täter und Opfer.

Kartentisch

In Lissabon wurde ich mal, in hochsommerlicher schwüler Hitze allein an so einem Vierertisch sitzend und Reisetagebuch schreibend, von Einheimischen auf Portugiesisch »weggebeten«, weil der Tisch im Schatten war und sie Karten spielen wollten. Ich kann außer Galão und obrigado/obrigada kein Wort Portugiesisch und verstand erst, was sie wollten, als sie sagten: Carta … 🤌
 carta … 🤌. Na, was lief mir an meinem Tisch in der Sonne dann die sopa (port. ›Suppe‹) runter!

Overseating

Der stählerne Wind der Digitalisierung muss noch schneller, noch erbarmungsloser durch alle Lebensbereiche fegen. Alles Denken und Fühlen möge der Zweiwertigkeit untergeordnet werden. Im algorithmusgestützt übersetzten User Manual der neuen Bluetooth-Earbuds heißt es u. a. »Erhöhen Sie das Volumen«, »Muster der Anzeigelampen für den Ladefall« und »Die Anklageerhebung« (i. Eng., man käme kaum drauf: »To charge the charging case: …«). Beim »charging case« braucht’s Dusel, damit es mal mit »Ladegehäuse« übersetzt wird, meist errechnen die Maschinen »Ladekoffer«.

Ein hübsches Gem hält auch ein Android-Equalizer vor, wenn man ihn beenden will:

Olympische Interviewdisziplin: Grein-Raun-Kombinieren

07.02.2022 • Nachmittags beim Bügeln den Fernseher angemacht, bei der ZDF-Olympiaübertragung gelandet. Es ging um Skispringen. Und herrlich, wie da im Interview gegreint und geraunt, ja, vor allem herrlich geraunt wurde! Der reinste hinterwäldlerische Provinzvereins-Kindergarten! Nur im olympischen Dorf.

Was war passiert? Drei Akteurinnen des deutschen Teams waren bei der Überprüfung der Anzüge disqualifiziert worden. Diese waren wohl an entscheidenden Stellen zu weit; um mit mehr Fläche größeren Luftwiderstand zu erzeugen, logo.

Aber was heißt da »logo«? Der eine – wohl ein Trainer –, der am meisten greinte und raunte, ramenterte ganz enragiert, man sei ja wohl vor zwei Tagen auch durch die Kontrolle gekommen, mit demselben Material, die »Mädels« würden ja auf heute kaum ihre Erfolgsanzüge wechseln, und jetzt plötzlich seien die Anzüge nicht mehr regelkonform?! Und überhaupt sei es halt am Ende doch noch Stoff, der sei nun mal dehnbar und könne schon mal einen, zwei Zentimeter weiter sein, man schneidere jedenfalls immer genau enrsprechend der Regeln, und man müsse schon den Eindruck haben, dass da jetzt plötzlich viel genauer gemessen werde als je zuvor, und dass es da ausgerechnet drei deutsche »Mädels« – sehr erfolgreiche noch dazu! – treffe, also, er wolle da jetzt nichts sagen oder andeuten, aber dass da dieser eine Kontrolleur jetzt dabei gewesen sei, und wenn man jetzt plötzlich so genau messe, also da drauf hätten sie sich überhaupt nicht einstellen können, und am Ende macht das halt schon auch, man muss es so hart sagen, den Sport kaputt, und das beschädigt jetzt auch das Ansehen des Sports.

Der eine der beiden Kommentatorinnen, anscheinend früher Trainer des Skisprungteams, rückt anschließend einiges gerade. Er habe den Springer*innen früher schon gesagt, das ginge nicht, da müssten alle genauer aufpassen mit den Anzügen, wenn die so weit seien, gebe es früher oder später Probleme. Aber jetzt sei er da nicht mehr so tief drin, jetzt ginge ihn das nicht mehr so sehr was an. Wundern tut sie, also die Disqualifiziererei, ihn, man hört’s, kein Stück.

Wie herrlich doch aber der andere geraunt und gegreint hat! Womöglich schalte ich da jetzt öfter ein, wer weiß, vielleicht kommt’s ja noch zu positiven PCR-Tests, bei denen einer zwar ganz gewiss nichts sagen will, aber ob die wirklich positiv waren oder ob da nicht auch irgendwie, also, wissen könne man ja nie, und am Ende müsse man sich halt drauf verlassen, dass da alles korrekt (…).

08.02.2022, 05:30 Uhr • Herrlich zaubrisch wird in den DLF-Nachrichten gebarmt! »Die FIS hat damit das Damenskispringen zerstört. So macht man Nationen kaputt, Förderungen kaputt, und auch den Sport kaputt«, so eines der betroffenen, ja geschädigten »Mädels«.

Teelöffel

Was mich immer noch, obwohl ich zuletzt vor ca. acht Jahren davon hören/lesen musste, maßlos wütend macht, ist das sog. TEELAMAẞ. Wikipedia weiß dazu Folgendes: »Das Teelamaß oder Teelamaß-Löffel ist ein Maßlöffel, beziehungsweise ein Portionslöffel der Firma TeeGschwendner. Hiermit gibt die Firma auf vielen ihrer Teeprodukte individuell an, wie viel dieser Maßlöffel bei gegebenem Wasser und Teesorte, für die Teezubereitung nötig sind.«

Dran denken machte mich der neue Kaffeelöffel, der kürzlich in einer French Press ins Haus gekommen war. Sofort schnürt mir die eingeschossene Hässlichkeit des Wortes TEELAMAẞ bund-, ja büschelweise Kapillaren ab, Rückenmark wird teilweise dampfförmig und entweicht über die spontan spröd werdende Wirbelsäule steißseitig. Die Augeninnenflüssigkeit flockt aus und zieht die Netzhaut rosinenförmig ein. Die Lippen gibt es nicht mehr, die Fußhaut abgelöst auf dem Küchenboden. Unter den Kniescheiben ameiselt es, die Schultern ganz borckicht. Der Rumpf klumpt TEELAMAẞ für TEELAMAẞ ab.

Und wer hat uns das eingebrockt? TeeGschwendner-»Mitarbeiter Edgar Halm, der heute noch immer in der Teeabteilung Projekte umsetzt, hatte damals die Idee, in Anlehnung an den damaligen Firmennamen [Teeladen] einfach „Teela-“ vor die Utensilien zu setzen. Die Idee war geboren, wurde für gut befunden und umgesetzt und bis heute aufrechterhalten.« (Ebd.)

Und warum der Extralöffel überhaupt? »Dadurch ist die Dosierung für den Verbraucher oft leichter, da er nicht mehr den Roh-Tee abwiegen muss.« Geh, nehmt’s halt einfach ’nen Teelöffel, ha?!

Die wahre Geschichte von den Maden

Berufsschulklasse Feinwerkmechanik, bestehend aus lauter niederbayerischen Grobianen, wir schreiben ca. das Jahr 2004. Aus dem Blockunterrichtsplan wird ersichtlich, dass der Klassenraum in den kommenden drei Wochen leer bleiben wird. Ein Mitschüler, u.a. begeisterter und versoffener Angler, bringt am letzten Tag vor diesem Leerstand ein Schächtelchen mit 50 Maden, gekauft für 50 Cent beim Anglerbedarf, mit. Nach der Pause placiert er diese Maden im Verein mit einem Stück Leberkäse von der Pausenverkaufsleberkässemmel in einem der Blumentöpfe auf dem Fensterbrett. Zeitsprung: nächster Blockunterricht. Der Klassenlehrer ermahnt uns beim Erstkontakt, ja schimpft uns richtiggehend aus, wir sollten doch nicht lauter Müll hinter die Heizkörper schmeißen (es sind so undurchsichtige, ohne Rippen), schließlich wozu gäbe es den Mülleimer. »Weil als ich letzte Woche wieder hier reingekommen bin, da war a l l e s schwarz an den Fenstern. So viele Fliegen habe ich überhaupt noch nie gesehen.« Er hat freilich komplett übertrieben, aber zu gerne hätte ich gesehen, wie viele Fliegen sich aus den Maden tatsächlich herausentwickelt, am Leberkäse gelabt und im Berufsschulklassenraum vergnügt hatten.

»Matratze« bzw. Turnmatte

5. Klasse, ein Mitschüler hat im Sportunterricht Scheiß gemacht und muss zur Strafe die zuvor gelernte (?) Übung vorturnen, und zwar korrekt kommentiert. »Ja, dann gniad ma si dò so aaf de Matratzn hii …«, versucht er es mit ostentativer Wurschtigkeit. Als nächster musste ich eine Strafübung vorturnen, weil ich wegen der Übungskommentierung des Mitschülers so viel und laut lachen musste. Das war aber nicht die Begebenheit, bei der mir derselbe Sportlehrer vor Wut über meine feixende Unaufmerksamkeit mit einem Handball fast den Kopf von den Schultern geworfen hätte. Er warf ein klein wenig daneben, den Einschlag an der Wand habe ich noch im Ohr. Und wenn die Turnhalle noch nicht abgerissen ist, dann lebt der Abdruck noch heute.
1/5 Handbällen, würde 0, wenn’s ginge.

Kastengeneral

Der Bürgermeister meiner Herkunftsgemeinde konnte in seinen wilden Jahren angeblich an einem Abend einen ganzen Kasten Bier alleine austrinken. Wer das schaffte, war in seinen Kreisen ein sogenannter »Kastengeneral«. Der Saufkumpan dieses Gemeindeoberhaupts, der diese Geschichte bei jeder Saufgelegenheit allen in die Ohren stopfte, jubilierte nach dieser Info stets: »Do hamma sogoa Ausweis‘ ghabt!« (»Da hatten wir sogar Ausweise!«) Die sie sich selbst ausstellten bzw. bastelten.

Ganz hübsch fände ich es, wenn im Gemeindeanzeiger über dem Bürgermeister-Editorial nicht nur stünde: »X Y, Erster Bürgermeister«, sondern auch: »Kastengeneral a. D.«