05.08.2019, 23:00 Uhr – Den 5. August 2019, ich hätte ihn nicht gebraucht. Nicht dass mir etwas Schlimmes widerfahren wäre oder sogar ein Haufen davon. Doch in der Rückschau wird er sich wie ein Fleck nix gewordene Mehlschwitze auf dem Tableau meiner Biographie erweisen. Gute Nacht
Erlebnisbericht
Horoskop des Hundes
05.08.2019 – Eine Frau und ein Mann, beide in den 50ern, fränkische Bierdimpfel und Schäufelefiesler, spazieren mit ihren beiden Hunden durch die Innenstadt. Sie unterhalten sich über Sternzeichen. Es geht gerade darum, welches davon im November aktuell sei. Sie sagt Steinbock, er Schütze, beide haben bestenfalls geringfügig recht, bis 22.11. regiert der Skorpion. Sie fragt nach dem Geburtsdatum des Hundes, anscheinend zum zweiten Mal, denn es kristallisiert sich, die ganze Tierkreiszeichenunterhaltung kreißt um den Hund. Dann aber schreitet er endlich wie nach vorne preschend und jedenfalls triumphierend, dennoch greinend ein: »Der is ka Fisch, ka Waaage, ka … … …
…
…
… …
…
ka Skorbjoohn…, der is a HUND!« Womit er es völlig verkackt. Sein Hund kann nun zehnmal ein Hund sein und keine etwa Materialisierung eines Sternzeichens – mit der so langen Pause, gierend, das restlos beliebige Sternzeichentripel aufzufüllen, verscheißt er es sich unumkehr- und planiert jegliche Autorität nicht revidierbar. Sollte das Gespräch irgend flirty gemeint sein, alle zart nach Amorbach weisenden Pflänzelchen schwärzen nun verbrannt die nunmehr tote Erde. Doppelte Niederlage: Mit dem Skorpion spricht er unwissend die Wahrheit und zerschießt sein Gestottere zur steindummen Unwahrheit. Ich scharwenzele, meinen Regenschirm balancierend, jungvergnügt nach vorneweg.
Vergessene Kräuter
Vergessene Kräuter. Ja apropos, da kommt mir diese Anekdote an: Es muss um 2004 gewesen sein, als wir im Elternhaus eines Freundes, Arztsohn, in der Küche im Würzmittelfach der Hängezeile eine Flasche Maggi-artige Würze fanden. Ihre Marke war uns unbekannt und ihr Etikettendesign seltsam aus der Zeit gefallen.
Als wir sie hervorgeholt hatten, sie hatte hinten links in der Ecke gefristet, wo nicht gedarbt, begutachteten wir sie ergiebig und erschraken in schalkendem Erstaunen, so wie uns das MHD in die Augen fiel: 1 9 9 2 . I shit you not. Wir erinnern uns: es ereignete sich um 2004 und das braune Suppenaugmentativum hatte somit über 12 Jahre dort ausgeharrt.
Wir, wiederum der Arztsohn und ich, tändelten ein wenig herum, flachsten gar ob der womöglichen inzwischen völligen Giftigkeit dieses Maggi-Surrogats und rochen, nun schon sensationstrunken und zur Blödigkeit ent-, nein: begeistert, mit der vom Chemielehrer abgeschauten oder vielmehr eingetrichtert bekommenen Handzufächel-Methode – doch zu probieren traute sich letztlich keiner. Was taten wir beziehungsweise was ließ sich mit diesem Gwasch noch anstellen? Jung und keck, wie wir waren, stellten wir das Fläschchen einfach wieder zurück in seine Ecke und hofften, es würde weitere zwölf Jahre dort stehen und evtl ja auch länger.
(Andernorts, wo diese Anekdote in leicht anderer Gestalt erstveröffentlicht worden war, wurde bereits nachgefragt, aber ich meine, dass es mittlerweile nicht mehr möglich ist, nachzuschauen, ob das Würzfläschelchen noch immer herumsteht; mag doch schon eine oder vielleicht auch eine andere Küche die damalige ersetzt haben, wer weiß)
Die schlecht adressierte Postkarte
Weil von mir schon so manches grambehaftete Wort über die mitunter offensichtliche Zustellunlust der Deutschen Post, was Postkarten anlangt, fiel: Will ich sie heute auch mal lobend mit einem Beitrag bedenken. Denn neulich schrieb ich wohl auf eine Karte an Großmutter ihren Namen, ihre Straße und Hausnummer, darunter aber weder Postleitzahl noch Ort. Habe ich halt vergessen. Die unverschämt teure 60-Cent-Marke klebte ich aber drauf. Ankam die Karte trotzdem.
Wie Mutter soeben mitteilte, hatte ein Zettel an der Karte geklebt, auf dem stand, die Adressatin, Großmutter, möge sich doch mit dem Absender, also mir, in Verbindung setzen und ihn, also mich, bitten, zukünftig die Adresse komplett anzugeben; habe man doch erheblichen Aufwand betreiben müssen, um die korrekte Empfängerin ausfindig zu machen.
Und das finde ich nicht nur äußerst löblich, sondern auch sehr erstaunlich. Denn aus dem Stegreif würde ich bei einem solchen Fall vermuten, dass die Post eine derart rätselhaft adressierte Karte mangels Rücksendeadresse einfach wegschmeißt, und zwar nicht zu unrecht. »Ist doch nur eine Grußkarte und wenn die*der zu deppert ist, PLZ und Ort anzugeben, selber schuld, und jetzt geht’s weg, weil sich die restlichen Postberge kaum von alleine erledigen, außerdem ist in 7 Minuten Brotzeit.«
Jetzt freilich heißt meine Großmutter nicht Anneliese Müller oder Gerda Bauer und wohnt in der Hauptstraße 34 oder im Amselweg 3a, sondern verfügt über eine Namens- und Straßenkombination, die es recht viel öfter als die ihre nicht geben dürfte. Dass sich bei der Post jedoch überhaupt jemand hinhockt und detektiert: »Ja Menschenskinder, Frau […] in der […]straße […], laut Anrede offensichtlich liebe Oma und von ihrem Enkel angeschrieben, wo wohnt die bloß?! Da gehe ich doch glatt an den Computer, der ans Rechenzentrum mit den R I E S I G E N Adressdatenbanken angeschlossen ist, es wäre doch gelacht, wenn ich damit nicht schon heute um 5:34 Uhr meine gute Tat des Tages vollbringen könnte, dann können mich diese Wichser alle bis morgen wieder am Arsch lecken haha« – dass das jemand tut, findet meine ganze heute tagsüber angesammelte, noch ungespendete Anerkennung und Dankbarkeit *anerkenn anerkenn dankbare dankbare*
P.S.: Die Karte war übrigens eine der Stadt Schwarzenbach an der Saale, wo ich mit Freund M. das Erika-Fuchs-Haus, das Museum zu Ehr und Huld Dr. Erika Fuchs’, der kongenialen Übersetzerin der Donald-Duck-Comics, besucht hatte. Aber das ist eine andere Geschichte.
20% Barauszahlung
WIND und Peter Wieland
Diese beiden Autogrammkarten auf dem Trottoir, ich hätte sie so gerne mitgenommen. Ohne zu wissen, wer WIND und Peter Wieland überhaupt sind.
Peter Wieland – schon weil er so frappant an Leslie Nielsen erinnert, hätte ich seine Karte haben müssen. Aber es wäre falsch gewesen. Vielleicht hätte die Person, die sie verloren hatte – es war auf einem wohngebietnahen Trottoir –, zurückkommen und sie auflesen wollen. Vielleicht hat sie es schon getan. Ich wünsche es ihr.
(Als das Foto 24 Stunden alt war, ging ich abermals zum Fundort, und wenn die Karten noch dagelegen hätten, waren sie wohl nicht mehr gewollt worden und dann hätte ich sie einfach genommen hehe. Aber sie waren nicht mehr da.)
Spitzbuberei
32 Jahre hatte ich alt werden müssen, um im Januar dieses Jahres Sätze aufschreiben zu können wie diesen: »Dieser Anachronismus hat demnach den Zweck, zeitlich Disparates in einen situativen Zusammenhang zu bringen und damit kontrafaktisch auf eine realhistorische Entwicklung hinzuweisen.« Jetzt, mit inzwischen 33, beim Lesen der Druckfahne, muss ich durchaus schon schmunzeln über diese intellektualisierelnd-aufschneiderische Spitzbuberei. Stimmen tut sie dennoch wie sonst alles, was im kommenden November um dieses Zitat herum im »Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft« erscheinen wird.
Saskia
Handball und Gewalt

Meine Güte, die Schrift auf diesem Plakat liest sich, als hätte mir jemand ein paar Handbälle ins Gesicht gepfeffert derart, dass es sich anfühlt wie Watschn mit Klodeckelpranken über die ganze Gesichtshälfte inklusive Augen.
Apropos: Es war in der 5. oder 6. Klasse, da erklärte uns der Sportlehrer während einer Handball-Übeeinheit irgendetwas. Mich interessierte das gerade nicht und ich blödelte nicht eben leise feixend herum. Plötzlich, ich stand recht nahe an der Wand, tat es dicht neben mir einen mordsdonnernden Einschlag – der Lehrer warf vor Wut seinen Handball mit voller Kraft nach mir, hätte er mich erwischt, wäre es das nicht nur mit meinem Genick gewesen. Ansonsten war er Werklehrer. Ein alles in allem freundlicher zwar, aber mit dieser Fächerkombi bist du einfach durch und durch ein richtiger Unhold.
Witz + Protokoll
Manfred Mann’s Orff Band
(Dieser Witz fiel mir kürzlich anlässlich der sogenannten Dad Rock Challenge einer lieben Facebookerin ein, die nach der dad-rockigsten Musikband fragte, von der man für gewöhnlich nur Radionummern/Singles kennt, um sich sadistisch-lustvoll deren komplette Diskographie anzuhören. Ich überlegte so: Menschenskinder, welche Band könnte ich denn da in die Drunterkommentare schreiben? Denn die allerallermeisten Dad Rock-Bands waren dort natürlich flugs notiert. Das Handy war beim spätabendlichen Einfall »Manfred Mann’s Earth Band« aber schon aus, und wie ich dann so im Bett liege und einschlafen will, schießt mir, freilich, »Manfred Mann’s Orff Band« ins prätraumale Gedankenbrackwasser. So wach bin ich noch, dass ich den klaren Gedanken »Ha, den muss ich mir merken und ins Internet reinschreiben!« hisse. Bloß wie merken? Wie oft schon hatte ich die leidvolle Erfahrung gemacht, dass mir kurz vorm Einschlafen oder, während ich nachm Aufwachen so dahinsimmere, Topwortspiele und andere Spitzenwitze eingefallen waren, die mir dann aber, wenn die erbarmungslosen Wachkategorien der Realität wieder instauriert, gleichwie entfallen waren. Dieses Mal suchte ich dem ein Schnippchen zu schlagen: Mit einer Mnemotechnik! Nie eine draufgehabt, also flugs eine zurechtgetapet. Ich stelle mir für jeden Bestandteil eine Person vor. Bei »Manfred« denke ich an den ehemaligen Nachbarn meiner Eltern, Manfred M., einen sehr freundlichen Michelin-Mitarbeiter. Bei »Mann« denke ich an, er ist der erstbeste, der mir einfällt, Thomas Mann. (Bitte nicht psychoanalysieren.) Bei »Orff« kommt nur Carl Orff in Frage, bombastisch-katastrophal untermalt von seiner Carmina Burana, schließlich bin ich schon in den Vorgärten der Träume. Bei – nicht vergessen! – »Band« denke ich an Facebookfreundin Judith S., die kürzlich drunterkommentarisch dazu aufforderte, man solle Band nur noch Musikband aussprechen (oder so ähnlich). Und was soll ich sagen? Es hat, man konnte es ja ganz oben schon sehen, geklappt! Wer bis hierher mitgelesen hat, versteht nun auch dies: Manfred M. Thomas Mann Carl Orff Judith S.)

