Stüssy; Niederbayern

In meiner Jugend wollte ich Teil der Skatekultur sein. Skateboard fahren konnte ich nicht. Riefe Eric »Do a Kickflip!« Koston mir zu: »Do an Ollie!«, ich könnte heute noch nur verschämt weglachen. Aber Stunt Skates, auch genannt Aggressive Skates, also solche zum Grinden, hatte ich und ›stand‹ in der Alte-Leute-Dorfsiedlung auf von Vater zusammengedengelten Rails und Curbs auch den einen oder anderen Trick. Die etwa drei Jahre, die ich das machte, gingen gänzlich ohne Verletzung rum, obwohl ich die Skates derart läppisch locker schnürte, dass es »schnürte« heißen müsste und ich ohne Senkelöffnen raus- und reinsteigen konnte; weil ich wollte mich so gut es ging reinlegen können aufm Rail.

Im Straubinger Skateshop »77 Sunset Strip«, genannt Seventyseven, bewunderte ich in den Auslagen all die coolen Skateboard- und Klamottenmarken. Carhartt und Vans und Adio und wie sie nicht alle hießen. Und Stüssy.

Jetzt, 20 Jahre später, schauen Freundin und ich gerade Season 3 der Serie Fargo, worin einige wichtige Figuren den Nachnamen Stussy tragen. Ausgesprochen: [stassi]. Und es dämmert mir: Lag ich all die Jahre falsch mit der zumindest mental so getätigten Skateboardmarken-Aussprache [stüssi]? Ja. Indes die englische Wikipedia und das restliche Internet entgegen der Fargo-Aussprache sagen, es werde [stuːsi], also in etwa STOO-see ausgesprochen. Jedenfalls nicht [stüssi].

Mit 11, 12, 13, 14 Jahren aber wusste ich noch nicht um die im Englischen phonetisch bedeutungslosen Röck Döts wie in Motörhead, Mötley Crüe oder Queensrÿche. Und sagte eben, wie alle Normalen: [moutörhäd], [mötlai crü] und Queensrÿche kannte ich noch gar nicht. Woher auch.

»Die Bravo gabs bei uns am Dorf nicht«, antwortete der stellv. bayerische Ministerpräsident und ebenfalls in Niederbayern aufgewachsene Hubert Aiwanger kürzlich dem stalinistisch-genozidalen Sozenbengel Kevin Kühnert auf Twitter (zum Thread). »Wir waren sozusagen bewahrt von all dem, was Sie in Ihrer Jugend in Berlin aushalten mussten.« Woraufhin Kühnert, der ein bewunderns- wie beneidenswertes Twittergame fährt, das bekannte Söderfoto vorm FJS-Jugendzimmerposter postete mit dem Kommentar: »Bitter! Sie hatten also nie einen Bravo-Starschnitt an der Wand… 😥« Was den gesunden Volkskörper Aiwanger veranlasste zur Antwort: »Nein. Keine beklebten oder beschmierten Wände. Geweißelt.« Weil’s beim Hubert schon innen im Kinderzimmer aussehen und zugehen musste wie später im repressiv durchkonformierten Dorferscheinungsbild.

(Offenlegung: Die Bravo gab’s bei »uns« »am Dorf« schon, und zwar beim Loibl-Bäcker an der Hauptstraße sehrschräg gegenüber der Pfarrkirche, aber da standen solche interessant-aufklärerischen Dinge halt auch nicht drin.)

For  r e a l ?!

Was mir soeben, am 30. April im Jahre 2020 unseres Herrn Jesus Christus um 10:07 Uhr, im Alter von über 30 Jahren, bei der Lektüre auffiel: das Adjektiv real geht etymologisch zurück auf das lateinische Super-, i wo: Universalwort für praktisch alles, was ist: rēs ›Sache, Ding, Wesen, Angelegenheit, Ereignis, Erscheinung, Interesse, Vorteil, Rechtssache‹. Und das ist ja auch völlig logisch und komplett naheliegend! Ich überprüfte es freilich sogleich, entsprechend der Germanistenpflicht, im DWDS (Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache) und klar, logo, ist es auch so. Ich meine: Wortstamm re- + Adjektivsuffix -al und das Wort res, Akk. rem, Gen. rei – das k a n n ja nur nix wie zusammengehören!

Also manchmal frage ich mich schon, ob ich einfach ganz besonders deppert und integral bescheuert bin und allen anderen solche s i m p l i c i s s e s t e n Sachen von Haus aus klar sind, oder ob es bei denen im Hirnstüberl ebenso zappenduster ist wie bei mir bis eben, oder irgendwas dazwischen.

Meine drei zuletzt gesehenen Serien

Unbreakable Kimmy Schmidt (Netflix): Kimmy Schmidt und drei andere Frauen werden aus einem Bunker somewhere in Indiana befreit, wo sie von ihrem Entführer namens Richard Wayne Gary Wayne 15 Jahre lang festgehalten wurden. Die provinziell-naive Kimmy beginnt nach der Befreiung ein neues Leben in New York, wo sie mit dem Broadway-Wannabe Titus Andromedon eine WG bildet. Sehr, sehr lustig, äußerst hohe Pointendichte, alles andere als deep, aber angenehm weird, watcht sich leicht weg, kurz: hervorragende Sitcom, sei anempfohlen!

Fleabag (AmazPri): Wohl als Dramedy zu bezeichnen, wobei der Dramaanteil im Laufe der Serie starkes Übergewicht erhält. Fleabag ist die sympathische Hauptfigur (ob sie wirklich so heißt, wird nicht klar, weil in der ganzen Serie kein einziges Mal ihr Name fällt; Fleabag jedenfalls bedeutet ›a dirty and/or unpleasant person or animal‹ bzw. ›verwahrloster Streuner, Flohfänger; Ekel, Mistkerl, Mistvieh‹). Sie fickt, flucht, faucht raucht in einer Tour und kriegt ihr Leben nicht ›richtig‹ auf die Reihe. Somewhere in London betreibt sie ein kleines, erfolgloses Café, das sie mit ihrer besten Freundin gründete, die sich accidentally suizidierte. Die zweite Staffel kann eins sich imho schenken, die erste ist aber sehenswert (sind auch nur 6 Ep. à ~25 Min.).

Sherlock (Netflix): Ja leckt mich am Arsch, so was Nerviges wie Benedict Cumberbatch als Sherlock »Mr. Oberschlau hoch Tausend« Holmes habe ich ja noch nie gesehen! Wie er aus den winzigsten Details an Verstorbenen wie Lebenden beinahe komplette Lebensgeschichten rekonstruiert bzw. deduziert, soll seine extraordinäre (?) Auffassungsgabe zeigen, ist aber nur hanebüchen und albern geraten und, am schlimmsten: fürchterlich nervig. Das Feuilleton ›feiert‹ das freilich ›ab‹ und hält es für teilweise »perfekte [🙄] Unterhaltung«; das Publikum (meint: die Feuilleton-Schreiber*innen) würde Sherlocks Fähigkeiten bewundern und beneiden, obwohl er doch eingestandenermaßen – oh, er ist so selbstreflektiert! – ein »hochfunktionaler Soziopath« sei. Es ist halt dumm wie je. Aber das Feuilleton geilt sich auch an unerträglichen Oberarschlöchern und -widerlingen wie Frank und Claire Underwood aus House of Cards auf (brach ich nach einer Staffel ab); mei, die Qualitätspresse wähnt sich halt gerne als am Zentrum der Macht nuckeln dürfend. Ich jedenfalls sage: Sherlock »Hallo i bims ihr integral intellektualgemeinen Geistesmaden« Holmes, nein danke. Die literarischen Vorlagen Sir Arthur Conan Doyles habe ich nicht gelesen, Sir, und kann gar nicht beurteilen, inwieweit die Serienmacher ihnen folgen oder es selbst übertreiben, Sir. Nach nicht einmal 30 von 90 Min. der ersten Folge jedenfalls verlangte ich danach, auszuschalten. Das hätte ich nicht länger ausgehalten.

Die unmittelbar enttäuschte Freude

Einmal schaute ich in der Heimat bei einem Provinzfußballspiel der untersten oder zweituntersten Spielklasse zu. Ein Akteur der gegnerischen Mannschaft haute aus wasweißich 25 Metern mal voll drauf und der Ball flog viel- bzw. erfolgversprechend Richtung Tor. Ein gegnerischer Anhänger sah das Leder schon drin und sprang »SUPER!« jauchzend auf, musste aber sogleich, weil das Spielgerät dann doch über die Latte schwebte (?), ein enttäuschtes »FACK!« (mit sehr hellem a, bairisch für fuck) nachschieben, und das alles ging so schnell, dass »SUPER« und »FACK« beinahe oder praktisch ein Wort bildeten, und so denke ich seither bei unmittelbar enttäuschter, im Knospen erstickter Freude: »SUPER…FACK :/«

Also wie gesagt

Also wie gesagt: Es gibt nicht wenige Leute, die Äußerungen, denen nichts Geäußertes vorausgeht, anheben (?) mit »Also wie gesagt, …«. Mir scheint, als unterscheideten sie, gleich Kleinkindern, nicht zwischen sich und der äußeren Welt und unterstellten allen anderen, an ihren bloß innerlichen wie auch den Laut gewordenen Äußerungen ständig teilzuhaben. Aber wie gesagt: Es ist schön, dass sie damit Unrecht haben!

Le Salon du Fromage parisien et le Salon du Fromage

(For German version please click here.)

Le Salon du Fromage et des Produits Laitiers 2020 se déroule depuis le 23 Février à Paris. C’est un « Salon international pour les acheteurs professionnels de fromages et produits laitiers », bien entendu le « rendez-vous international des fromages de qualité ». Quand des gens en postent quelque chose sur Facebook, ils/elles créent un lien vers la page Facebook de ce blogue-ci, portant bêtement presque le même nom :

Je m’amuse depuis toujours d’avoir devancé les fromagers et fromageries avec la page FB (là j’avais spéculé il y a longtemps ce qui pourrait se passer si quelqu’un d’eux/elles n’aime pas ma page/mon blogue). L’évocation que j’aime le plus, c’est le post de « Prailu Selecta FOOD », parce qu’ils/elles ont même partagé ma page entière avec sa caricature de couverture bête d’un cow-boy :

À tous ceux/toutes celles qui sont mené(e)s vers moi par ce chemin : Soyez les Bienvenu(e)s, likez sans hésiter et bon appétit !

(Traduction en français : Julia Ingold. Divulgation : je parle à peine français.)