Heute ist der kürzeste Tag des Jahres. Jetzt dauert es wieder sechs Monate, bis er seine vollen 48 Stunden erreicht hat.
Autor: Andreas Maria Lugauer
Serienkritik: 1899
Ein Dampfschiff mit Migrant*innen verschiedenster Herkunft fährt von London nach New York. Unterwegs trifft eine Morsenachricht mit Koordinaten ein, die den Standort eines vor vier Monaten verschwundenen Dampfschiffs derselben Reederei anzeigen könnten. Der Kapitän lässt diese Position sogleich ansteuern, und ab dann passiert allerhand Mysteriöses und von den Figuren und/oder Zuschauer*innen nicht Begreifbares.
Leicht machte sie es mir nicht, die Netflix-Serie 2022 (1899) 1899 (2022). Legt sie doch nur sehr zäh und langwierig frei, was überhaupt Sache ist bzw. zu sein scheint. Natürlich ist solche Verbergerei spannungsfördernd; doch wenn ich auf Episode 4 von 8 schon fast keine Lust mehr habe, weil die Erzählung nach 150 von insgesamt 400 Minuten einfach noch nirgends zu Potte gekommen ist und keine Anstalten macht, das alsbald zu tun, ist der Geheimniskrämerei zu viel.
Die Showrunner Jantje Friese und Baran bo Odar ziehen den Plot unnötig in die Länge wie spätestens in der dritten Staffel ihrer Erfolgsserie Dark (2017–2020, Netflix). Hier wie da tauchen viele Elemente lähmend redundant auf. Statt aber ellenlang künstlich zu verzögern und mysterisieren, täte es hier wie da gut, die Geduld der Zuschauer*innen nicht so sehr über Gebühr zu strapazieren. Es wirkt, als habe man hier wie da einen Vertrag über eine bestimmte Serienlaufzeit gehabt und diesen dann notgedrungen ausgefüllt. Ganz und gar nicht geschadet hätte es hingegen zu sagen: »Ey, Leute, wir schaffen’s doch in 5 statt 8 Folgen! Hier habt ihr ⅜ des Budgets wieder. Thank us later. Und Serverspeicherplatz spart ihr auch! Schließlich sind wir Teil der ›Initiative ›100 Grüne Produktionen‹ des Arbeitskreises ›Green Shooting‹, die sich in Zusammenarbeit mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zu nachhaltiger Film- und Fernsehproduktion verpflichten‹ (Wikipedia).«
Problem in Bezug auf Dark ist bei 1899 auch, dass diese jener in Teilen der Geschichte frappierend ähnlich ist. So manche Handlungswendung bis hin zu Figurenäußerungen sind aus Dark bekannt. Umgangssprachlich, wie ich manchmal denke, dachte ich: »Prima, dass ihnen mit Dark so eine tolle und erfolgreiche Serie gelungen ist, aber hätten Friese und bo Odar die allergleiche Serie noch mal drehen müssen?« Zu wünschen wäre, dass sie beim nächsten Mystery-Projekt nicht Dark 3 machen. Doch ohnehin habe ich das Gefühl, Friese und bo Odar bleiben ein few hit wonder.
ABER DANN! Kommt 1899 – ich war schon froh, dass sie bald rum war – auf den allerletzten Meter mit einem exorbitanten Plottwist um die Ecke, der mich wirklich überraschte, und ich konnte nicht umhin zu denken: »Ah, jetzt muss ich in Staffel 2 zumindest reinschauen.« Denn gespannt bin ich wie ein Schiffstau, wie das jetzt weitergeht.
Cell phone ‚=‘ Handy
Voice mail ‚=‘ Sprachnachricht
=> Raise your voice! = Erhebe deine Sprache!
Public Announcement (II)
Den Zeitungen der Funke Mediengruppe habe ich es schon gesagt, der Vollständigkeit halber hier auch noch mal: Das Wort Arbeitsplatte für die Platte in der Küche, auf der eins alles abstellt, den ganzen Schnibbelkram erledigt und unter der sich die Schubläden und so weiter befinden, klingt viel zu sehr nach der Schmutzarbeit in der Werkstatt bzw. Heimwerken bzw. Werkbank!!!
Zubereitungsdialog
»Fischstäbchen auch mal Pfanne oder Fritteuse?«
»Nein,

Btw: Eine mir liebe Person aus Italien erfand mal aus lexikalischem Mangel analog zu frittiert und getoastet das Partizip geofent für ›im Ofen gemacht‹. Ich begrüßte diesen Lückenfüller, denn es ging um Ofengemüse, das ja weder gebraten noch gebacken wird, und das Wort gegart kam mir gerade nicht in den Sinn.
Verleser des Tages (I)
Im Vorbeigehen gelesen:
LAGER-
VERKAUF
IN DEN
HINTERN
RÄUMEN

Novalis’ Bedarfe
»Erinnerung schmilzt in kühler Schattenflut,
So sang das Lied dem traurigen Bedarfe.
Doch unenträtselt blieb die ew’ge Nacht,
Das ernste Zeichen einer fernen Macht.«
(aus Novalis’ 5. Hymne an die Nacht)
Moment mal: War die von Novalis, einem der programmatischen Dichter:innen der deutschsprachigen Romantik, selbsternannte progressive Universalpoesie so universal und so progressiv, dass sie – Hartz IV bereits 200 Jahre vorab enthielt (vgl. »Bedarfe«, »Das ernste Zeichen einer fernen Macht« etc.), zu einer Zeit obendrein, als so etwas wie Sozialdemokratie bzw. ›Sozialdemokratie‹ noch 50 bzw. 100 Jahre in der Zukunft lagen? Also das wär’ ja was. Und wenn sich in seinen Schriften jetzt noch Hinweise auf das »Bürgergeld« fänden erst!
Der Anruf
Geht ihr bei (völlig) unbekannten Telefonnumern ans Handy? Und würdet ihr bei einem unerwarteten Anruf aus Kalifornien ans Telefon gehen? Bei letzterem kann ich sagen: Also ich nicht! Was man da nicht schon alles gehört hat. Dieses Jahr z. B. wurden nicht wenige Bekannte vom angeblichen FBI angerufen und damit konfrontiert, dass gegen sie Ermittlungen am Laufen seien und was weiß ich welche Daten benötigt werden würden. So was merke ich mir und gehe dann bei dubios anmutenden Anrufen einfach nicht ran.
Was war also passiert? Sitzen wir zuhause am Esstisch, läutet mein Handy und die Google-Anrufapp zeigt unterhalb der irrwitzigen, fast außerirdisch wirkenden Telefonnummer an: »California«. »Haha, nicht mit mir!«, denn eine FBI-›Geschädigte‹ saß direkt neben mir. Und dann: Hinterlässt mir die Anrufperson doch eine Nachricht auf der Mobilbox! Belustigt rufe ich sie auf, freilich auf Lautsprecher, damit wir alle was davon haben. Stellt sich raus: Es war gar kein Fake-/Scam-/Spamanruf! Sondern, hold on to your seats: Der Kundenservice unseres Staubsaugerroboters. Den hatte ich nämlich wegen einer Störung kontaktiert. Woraufhin er mich gebeten hatte, ihm meine Handynummer zu geben, um mir helfen zu können. Das war aber gestern gewesen, das habe ich heute freilich schon wieder vergessen. Und kann ich ja auch nicht wissen, dass deren für Deutschland zuständiger Kundenservice in California sitzt (dass der Roboterhersteller nicht, wie anhand des Namens vermutet, aus Asien stammt, sondern aus Kalifornien, habe ich erst auf diesem Wege herausgefunden). Jedenfalls sagte mir der freundliche Herr in der Mobilboxnachricht in nicht muttersprachlichem Deutsch, er wollte mich wegen der Saugersache kontaktieren und schickte mir jetzt einfach eine E-Mail. Die ich dann auch umgehend im Postfach fand. Woraufhin sich alles in Windeseile geklärt hat und jetzt funktioniert alles wieder.
Würdet ihr bei einer Kundenserviceanfrage per E-Mail einfach eure Telefonnummer in die Welt hinausschicken? Also ich anscheinend schon.
Filmkriwick, Quatsch: Filmkritik: John Wick
Mein Lieblings-Actionfilm in der Kindheit/Jugend war Terminator 2: Judgment Day. Das war für mich perfekte Action, keine Sekunde langweilte ich mich dabei. Entsprechend oft schob ich die Videokassette mit dem auf RTL aufgenommenen Film in den Rekorder. Etwa die Szene, in der der T-800 (Arnold Schwarzenegger) im 1. Stock des Cyberdyne-Systems-Hauptquartier steht und die vorgefahrene Polizeischar unten auf dem Parkplatz unschädlich macht, indem er nur die Fahrzeuge zerstört und aber niemanden verletzt oder gar tötet – oft spielte ich das und anderes zuhause nach.
Solche Actionfilme konnte ich, wo nicht im Free TV, bei einem Onkel sehen, der den Pay-TV-Sender Premiere (später: Sky) hatte. Während meine Eltern bei der Verwandtschaft in der Stube saßen und sie über irgendwelchen Erwachsenenkram laberten, saßen wir Kinder im Wohnzimmer und zogen uns Premiere-Videos mit Actionreißern wie The Punisher (1989) rein. Sowas wie die FSK-Beschränkung hielt den Onkel glücklicherweise nicht vom Screenen ab.
2010 bereitete mir dann The Expendables einige Freude, The Expendables 2 (2012) und The Expendables 3 (2014) ebenfalls. Waren das doch schöne Reminiszenzen an das Actionkino der 80er und 90er. Lustig fand ich, dass darin lauter mehr oder weniger abgehalfterte, jedenfalls outdated Actionstars vorkamen – und der noch normal ›im Geschäft‹ gewesene Jason Statham.
Vor kurzem sah ich dann John Wick (2014) mit Keanu Reeves als Auftragskiller im Ruhestand. Und huiuiui, das ist ja atemlose Action! Die obendrein inszenatorisch ohne Anbiederung an die 80er/90er auskommt, sondern Actionkino der 10erjahre ist. Wenngleich die Story ähnlich dünn und bisweilen unglaubwürdig ist wie die der 30 Jahre alten Vorfahren.
Auftragskiller im Ruhestand, in einem Actionfilm? Das bleibt freilich nicht lange so. Und John Wicks Wiedereinstieg in seinen abgelegten Beruf – der freilich nicht ohne Grund geschieht – wird standesgemäß inszeniert: Wick geht mit einem Vorschlaghammer in den Keller seiner Austragsvilla und haut vor lauter Wut den Betonboden auf. Als er dann unter allerhand Betonbrocken mit bloßen Händen anfängt zu graben, wird klar: John Wick lässt nicht bloß seinen Frust aus am Boden. Er will etwas freilegen. Und es ist keine große Überraschung, dass es sich um eine große Kiste mit allerhand Waffen und Munition handelt. John Wick hatte seine Auftragskiller-Vergangenheit begraben. Wohlwissend, dass sie nicht kompostierbar ist.
Spaß macht sie mir auch nach 25 Jahren noch, solche Actionblödigkeit: Wofür andere drei Personen, einen Presslufthammer und anderes Gerät bräuchten, das erledigt John Wick mit maximal einem Hammer. Es sollte niemanden wundern, wenn ich sage, dass im Film dann fast jeder Schuss/Schlag/Genickbruchgriff Wicks ›sitzt‹ und er mit Leichtigkeit Killerkommandos von ein bis drei Dutzend Mann ausschaltet.
Mittlerweile stört mich aber durchaus die bündige Ästhetisierung solcher Gewaltorgien mit allen optischen und akustischen Mitteln wie etwa technoider Industrial-Rock-Musik für den richtigen Tötungsrhythmus. So wird aus dem Ganzen eine harmonische Masse, in dem das Töten und Getötetwerden bloße Zutaten sind wie irgendeine Zutat einer Tafel Schokolade und deren Kinetik dem Tanz sehr viel mehr gleicht als dem unästhetisch-viehischen Streben nach Überleben.
Botschaft/Message hat John Wick überhaupt keine. Hier zeigt die Actionfilmindustrie, wozu sie in der Lage ist. Die anderen Teile kucke ich mir auch noch an.
ChatGPT stürzt ab
Am 30. November 2022 wurde der AI-Chatbot ChatGPT veröffentlicht. Hier ein kleiner Schabernack. Ich fragte ihn:

ChatGPT ließ sich nicht aus der Reserve locken und parierte diese Frage beinahe mit Bravour:

Der letzte Halbsatz beunruhigte mich. Denn wenn Skynet nicht existiert, warum sieht ChatGPT sich genötigt, hinterherzuschieben, dass es nie Bewusstsein erlangen wird? Daher hakte ich nach:

… worauf ich ca. zwei Minuten keine Antwort erhielt. Was etwas merkwürdig ist, weil ChatGPT normalerweise sehr rasch nach einem Dialogbeitrag die Antwort im Chatstil losrumpeln lässt.
Nicht jedoch auf diese Frage hin. Hier reagierte der Bot dann doch erstaunlich:

Vermutlich stehe ich jetzt auf der Liste als »Potentially threatening individual«. Und ich Wahnsinniger habe meinen Account unter meiner Klarnamen-E-Mailadresse vorgenommen!
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Fun Fact: Den Film Terminator 2: Judgment Day, in dem erzählt wird, wie Skynet am 2. August 1997 Bewusstsein erlangt, sah ich mit Freunden – es waren in Bayern gerade die Großen Ferien losgegangen und wir zwischen der 5. und 6. Klasse – am Abend des 1. Augusts 1997. Was gab das für ein großes Hallo und für eine Witzelei, ob am nächsten Tag die Maschinen ›übernähmen‹!