»Hochwinter«-G’schicht’n

Kürzlich: »Warum gibt’s eigentlich nur den Ausdruck ›Hochsommer‹, nicht aber ›Hochwinter‹? Von ›Hochfrühling‹ und ›Hochherbst‹ ganz zu schweigen …« – was halt so alles durch den Kopf rauscht. Der »tiefe Winter«, er genügt mir nicht.

Heute, Auftritt Dominik Jung vom Wetterdienst Qmet in der HAZ: »Dominik Jung vom Wetterdienst Qmet spricht von einem ›nennenswerten Wintereinbruch‹, den ›Elli‹ Hannover gebracht habe. ›Schneehöhen in der Größenordnung gab es zuletzt im Dezember 2010 in Hannover‹, sagt er. ›Vor 40 Jahren wäre das nicht der Rede wert gewesen. Da war Hochwinter im Januar normal‹, sagt Jung.«¹ Super.

An den Dezember 2010 muss ich dieser Tage ebenfalls denken: Da sind in Nürnberg, wo ich behufs Abiturnachholung lebte, in einer Nacht 40 cm Neuschnee gefallen. Bei der Gelegenheit ist der ÖPNV auch zusammengebrochen, die vielfach auch oberirdisch fahrenden »U«-Bahnen sind gar nicht mehr aufs Gleis und die Busse nicht mehr auf den Asphalt geschickt worden.

Weil es damals noch kein Internet gab, Quatsch: Weil das Kolleg damals noch keinen Schnellkommunikationsweg zu den Schüler*innen hatte und ich in fußläufiger Entfernung gewohnt habe, bin ich halt hingelatscht oder vielmehr -stapft, um zu kucken, ob der Unterricht entsprechend meiner Vermutung ausfallen würde. Als einer von ganz wenigen Hanseln, die es ebenfalls hingeschafft haben, war ein pedantischer Chemielehrer anwesend. Der dann auch bis zur offiziellen Schulausfallmeldung gewartet hat, ehe er unter seinem Schnauzer hervorjodelte, dass die Schule tatsächlich ausfallen würde.

Nicht nur ergab sich dadurch ein langes Wochenende, weil besagtes Schneechaos an einem Freitag durchgeführt wurde. Sondern noch besser für mich: Ich hätte an dem Tag eine Ethik-Kurzarbeit nachschreiben müssen. Das musste ich dann erst am übernächsten Samstag.

Erinnerlich ist mir dieser Herr übrigens, weil er sich nicht nur einmal beklagt hat, dass Physiknobelpreisträger*innen stets viel mehr öffentliches Ansehen genössen als z. B. Chemienobelpreisträger*innen. Wo doch aber seiner Meinung nach letztere mindestens genauso wichtig, wenn nicht gar wichtiger wären, weil doch ohne Chemie letztlich gar nix ginge und das überhaupt die wichtigste Wissenschaft sei. Jamei.

Und im Dezember 2010 fanden auch die letzten Weißen Weihnachten aller Zeiten statt. Es war der letzte Winter, in dem ich ein eigenes Auto besaß, ehe ich es im darauffolgenden Hochfrühling verkaufte, weil es mir sonst vor der Haustür zusammengerostet wäre. Am 24.12. fuhr ich des Nachmittags zu meiner Familie nach Niederbayern runter. Weil es abermals einiges geschneit hatte, »ging« auf der Autobahn nicht mehr viel und ich musste teilweise mit 30 km/h dahingurken, wo man sonst 10 000 fährt. Ich brauchte für die Strecke, glaube ich, zwischen zwei- und dreimal so lange wie normal. Bei Ankunft war es schon saudunkel, aber das ist es im Winter ja lange.

Der Autoverkauf the following season lief auch erstaunlich. Ich stellte die Karre in irgendeinem oder irgendzwei geläufigen Autoverkaufsportalen ein und recht bald meldete sich jemand. Kam bald darauf das zur Nachricht gehörige Ehepaar vorbei – bezahlte bei mir in der Wohnung ohne Verhandlung den gewünschten Kaufbetrag, ohne sich das Fahrzeug überhaupt anzugucken, und fuhr dann davon. Das Geld war kein Falschgeld und ich hatte keinerlei Sperenzchen mehr, das Ehepaar waren also keine falschen Fuffzger.

Dass ich kein Automobil mehr besaß, juckte mich gar nicht, war ich ohnehin fast ausschließlich mehr mit Fahrrad und Öffis unterwegs. Mit Fahrrad an dem 40-cm-Neuschneemorgen übrigens auch: Ich nutzte die Gelegenheit, um »Eisspeedway« zu fahren, also, wo es die Straßen zuließen, herumzusausen und mit angezogener Hinterradbremse herumzusliden. »Eisspeedway« ist etwas anderes als »Kurierfahren«, was eine fahrradbegeisterte Mibi (= Mibbbewohnerin) gerne mit Freund*innen angetrunken betrieb, nämlich bei möglichst schwierigen Fahrbahnbedingungen so schnell und gefährlich, wie’s geht, herumzuradeln.

Eisspeedway ist eigentlich ein Sport, bei dem auf Motorrädern mit Spikes über eine vereiste, bahnradbahnartige ovale Schnellbahn um die Wette gefahren wird. Mein Vater – requiescat in pace – hatte das immer gerne im Fernseh angeschaut, als ich ein Kind gewesen war … doch dieser Text ist nun an Assoziationen reich genug. Ich kann’s aber noch!

¹ Tobias Kurz/Andreas Schinkel/Matthias Arnold: »Stärkster Wintereinbruch seit 15 Jahren legt viele Probleme offen«, Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 10/2026, 13.01.2026, S. 1.

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